Archiv für November 2008

lieber franz josef wagner

man hat es vermutlich nicht leicht gehabt. nie. denn als kind musste man schrecklich unter einem vornamen leiden, den nur in uropas zeiten menschen ohne ein leicht befremdetes grinsen aussprechen konnten- oder eben mitglieder einer familie, in der man (da geh ich jede wette ein) zudem grossen wert darauf legte denselben nachnahmen wie ein fuer seine pathosschwappenden antisemitischen ausfaelle in opernform weltberuehmter narzisst auf sein klingelschildchen drucken zu koennen. wahrscheinlich auch deswegen musstest du fuer die regensburger domspatzen singen und ein klosterinternat besuchen. um dann schlussendlich durchs abi zu rasseln. das kann jedem passieren, allerdings: bei so viel zur schau getragenem kulturmenschenduenkel ist es extrapeinlich- zumal jede der traurigen halbversbriefbelaestigungen die einen von der zeitung auf dem tresen unserer lieblingstrinkhalle aus anschreien, nur noch einmal zu sagen scheint: ich bin nicht aus pech, nicht aus faulheit, sondern nein, aus ermangelung aller faehigkeiten in sprache etwas anderes zu sehen als ein mittel, raeume mit sich vollzumachen, was man jedem meiner saetze ansieht, sogar da wo ich meine staerken vermute, nahezu schmerzhaft mittelmaessig (dass du irgendwo anders staerken hast, das will ich nicht bezweifeln). manchmal schlaegt die verachtung mit der wir dich in ermangelung anderer stumpfer und spitzer gegenstaende schlagen, aber in ohnmaechtiges, unglaeubiges gelaechter um.
folgende glanzstuecke der oberprimanerdichtkunst koennen und wollen wir niemandem vorenthalten. et voila:

Liebe Bundeskanzlerin,

Sie warnen uns „vor einem Jahr schlechter Nachrichten“ – „wir müssen im kommenden Jahr damit rechnen, zumindest in den ersten Monaten“. Kanzlerin, mir wird bänger und bänger. Was für schlechte Nachrichten denn noch?

bis dir am baengsten ist? und warum war dir denn bange zu beginn, oh pegasus der dichtungen, die nicht nur vom namen her an die an meinem abwasserrohr gemahnen? mais bon, wir sind vorschnell, lassen wir es weiterrauschen, durch die nicht ganz dichte dichtung

Ihr Interview in der „Welt am Sonntag“ versetzt mich in die Lage eines Patienten, den die Ärzte im Ungewissen über seine Krankheit lassen. Wir warten noch die Laborwerte ab. Wir haben noch zwei Experten hinzugezogen …

himmelherrgott! wieviel kaffee, wieviel verzweiflung, wieviel starren auf das weisse papier es wohl braucht um auf einen derart fernliegenden vergleich zu kommen?

Kanzlerin, hat Deutschland Krebs oder ist die Geschwulst gutmütig, heilbar? Der Patient Deutschland will die Wahrheit wissen. Der Patient Deutschland liegt im Krankenhaus und in seiner Seele ist Finsternis, Dunkelheit, Halbdunkel.

nun kommt butter bei die fische. wagner ist also verwirrt und haelt sich fuer deutschland (eine leider in den letzten jahren zunehmend haeufige verwirrung), das in einem krankenhaus liegt, in dem wiederum die kanzlerin arbeitet. nun wuenscht man keinem krebspatienten, und fuer so einen haelt sich der herr wagner, von einer physikerin behandelt zu werden. aber muss man deshalb zu so furchtbaren triaden wie „Finsternis, Dunkelheit, Halbdunkel.“ greifen? die nichteinmal zur dramatisierung beitragen, weil halbdunkel vielleicht zwielichtiger aber auf jeden fall nicht finsterer als dunkelheit ist? aber zurueck zu wagner, unserem deutschen patienten, bei dem es nicht daemmert, sondern wohl fuer immer finster, dunkel, halbdunkel in der murmel bleibt:

Man ist trübsinnig, traurig, aber auch euphorisch.

aha. wer ist denn man? deutschland, wagner, deutschlandwagner?

Wenn am Morgen der Arzt kommt, will man, dass er sagt: „Kein Krebs, du lebst.“

oder: ich tarzan, du jane.

Wenn am Morgen meine Kanzlerin zur Tür hereinkommt, dann will ich das Gleiche hören.

ok. das laesst sich machen. wenn sie bei mir zur tuer hereinkommt, will ich dass sie sagt „heute musst du nicht zur uni“ oder „die gilmoregirls sind auch nicht was sie einmal waren“ und ich finde meine idee nicht hirnverbrannter, aber lustiger als deine. so.

Herzlichst

Franz Josef Wagner

so. das war aber eher exemplarisch als aussergewoehnlich haesslich. richtig fies eklig wird es, wenn der herr wagner sich an menschen wendet die er nicht mag, weil sie irgendwie nicht in eine welt passen, in der menschen es fuer poetisch halten, wenn wagner sich fuer deutschland haelt und die kanzlerin fuer eine aerztin. wie hier:

Terrorist Christian Klar,

Sie haben bei uns nichts verloren – jeder Draußentag verhöhnt die Opfer, deren Kinder und Frauen. Ihre Freilassung auf Bewährung verfinstert ihr Leben noch mehr. Für die Justiz gelten Sie „als ungefährlich“. Für mich sind Sie gefährlich wie ein Virus.

aberaber, franz-josef! der christian ist doch nicht ansteckend. und wenn schon, dann kommen die patienten einfach zu deutschland, der kanzlerin und dir ins krankenhaus! abgesehen davon wuensche ich eh‘ keinem, auch nicht dem herrn klar, bei dir etwas verloren zu haben.

Sie bereuen nicht, Sie finden keine Worte für Leidtun. Es wäre die mindeste menschliche Anwandlung. Sie besitzen sie nicht. Das macht mich wütend. Was wollen Sie bei uns? Im Sportstudio neben mir schwitzen, im Stadtpark mit mir joggen, Heimkehrer spielen, Spätzle mit geschmolzenem Käse essen, die Bundesliga anschauen? Sie sind ein neunfacher Mörder – Sie sind ein Fremder. Sie gehören nicht zu uns. Sie gehören nicht in die Fußgängerzone, nicht auf die Rolltreppe im Kaufhaus.

uebrigens findet der franz-josef auch kein wort fuer leidtun, was aber keinen wuetend macht, weil es ja nur die niedrigste menschliche anwandlung ist, der franz-josef aber die hoechsten hat, wie kaesespaetzle essen, schwitzen und heimkehrer (sic!) spielen- was der christian nicht darf, weil er die niedrigste ja nicht besitzt.

Es ist für mich unerträglich, dass Sie einen Café Latte bestellen und die Angehörigen Blumen auf die Gräber legen.

Wie kommt ein Mensch klar (das ist witzig, aber vermutlich ein versehen, oder? gibs zu, es ist dir garnicht aufgefallen!) mit dieser Rechtsprechung? Ich nicht.

frag dich doch mal, lieber franz-josef, wie jemand damit KLAR kommt, der sein halbes leben in haft verbringen muss? der von einer knallcharge wie dir sich was ueber menschlichkeit erzaehlen lassen muss? von einem, der findet dass menschlichkeit was mit rolltreppefahren im kaufhaus zu tun hat? der moerder und fremder fast synonym verwendet?

Herzlichst
Franz Josef Wagner

fuer diese und fuer all die anderen briefe, die hier zu erwaehnen den rahmen sprengen wuerde, wollen wir dir danken. aufrichtig. dafuer dass du uns ein gefuehl davon gibst, was fuer eine geist- und lieblose veranstaltung deutschland doch ist. und dass das kein betriebsunfall ist, sondern dass es dinA0 koeppe wie dich gibt, die das ganz gezielt befoerdern. kurz: dafuer, dass wir wieder wissen, wogegen wir sind. darin, und nur darin sind wir uns uebrigens recht aehnlich: wir definieren uns auch eher darueber wer wir nicht sein wollen.

herzlichst, dein weltgeist.

C&H – Das Runde und das Eckige

Calli! Nein! Nach der tölpelhaften Wokfahrt nun rein in den Eiskanal der Kärntener Xenophobie? Was ist aus ihm geworden? Einst wohl sympathischster Manager Deutschlands, steht Reiner Calmund nun im Verdacht Jörg Haiders „Herzerl“ gewesen zu sein. Zumindest Mätresse Haiders, neben dessen Ehefrau und Hauptgespielen Stefan Petzner (Das gilt bei den investigativen Journalisten als ausgemacht). Hat es Reiner Calmund nach dem Schwimmen in Deutschlands drittklassigen Privatfernsehkanälen, kurz vor der Versenkung, um festen Boden unter die Füße zu bekommen, an das andere Ufer gespült? Etwa auch politisch?
Das ist der Hintergrund: Calmund soll bitterlich weinend auf der Beerdigung des Österreichischen Demagogen gesichtet worden sein. Heribert Bruchhagen, Manager der Frankfurter Eintracht, behauptete dies zotig, wie es sich am Fußballstammtisch „Doppelpass“ geziemt. In der Folge penetrierten kräftige Gerüchte den Alltagsdiskurs um Jörg Haiders Ableben in diversen Foren, Artikeln und natürlich an Stammtischen. Dabei versteift die Frage war er schwul, das Mannsbild Haider, alle vormalig gegebenen Möglichkeiten der gesitteten Recherche um sein Erbe. In der Tat bietet das Paar Calmund und Haider rein ehehydraulisch einen unerschöpflichen Reichtum für Spekulation und Assoziation. So mutet es beinahe tragisch an, sich den obelixartigen Calli verspielt mit dem adretten Haider vorzustellen. Um dem Zorn, der nun in manchem Leser aufsteigt zu begegnen: Es geht uns überhaupt nichts an, ob die beiden ein Verhältnis haben. Nein, ich habe auch nichts gegen wie auch immer geartete sexuelle Orientierungen. Soll Reiner Calmund tun was er will, selbst wenn er Österreicher werden würde, um endlich für das Bündnis für die Zukunft Österreichs abstimmen zu können, es interessiert mich nicht! Ich denke er war, wie er selbst behauptete, zum Zeitpunkt der Beerdigung Haiders, im Kölner Stadion und hat sich lecker Fußball angeguckt.
Aber: Wie kann es so weit kommen, dass eine versammelte Öffentlichkeit Reiner Calmund zum homophilen Rechtsextremisten abstempeln möchte? Man stelle sich nur einen der Hoeneß-Brüder, wünschenswert wäre insbesondere Uli, in der Gerüchteküche um Haiders Tod vor. Das wäre doch ein Süppchen, das fast jedem Betrachter schmecken dürfte. „Hehe, siehste der Hoeneß, der alte Reaktionär, war doch klar, dass der auf den Rechten steht.“ „Ist ja auch ein Bayer.“ „Hat ja auch ne Wurstfabrik.“ Keine zehn Zeilen würden zusammen kommen, um über diese „monumentale Verfehlung“ zu berichten. Anders im Fall Calmund – und daran ist er selber Schuld. Wer sich so gemütlich in nahezu jeder Fernsehshow, bei jeder sich bietenden Gelegenheit zum Horst machen lässt, wird todsicher in die Tiefen der Abwertung gerissen werden. Ob er nun im übergroßen Wok dem Verderben entgegen ballern muss oder aber tatsächlich, um nun jedes Klischee adepöser Lebensführung auszureizen, in Kochshows den Kritiker am Herd gibt, Calli hat er vermasselt. Tatsächlich ist nicht viel geblieben vom vor allem moralisch integren (und damit ist nicht gemeint das Schwulsein moralisch nicht integer wäre – Der Herr Rechtsradikalismus darf das hingegen mit Fug und Recht von sich behaupten) Fußballmanager. Befreit von den schmierigen Peinlichkeiten des gerade erst verlassenen Fettnapfes, rutscht Calli nahezu ungebremst in den nächsten. So ist es klar, dass für die Öffentlichkeit ein Mann, der so offensichtlich die eigenen Grenzen weggeknabbert hat, zum Spielball werden muss. Was bleibt vom alten Calli: Sein Gewicht? „Ach dat war doch bevor ich den Medizinball verschluckt habe. Jetzt jibt dat erstmal n frittiertes Stück Butter im Schocko-Osterhasen.“ Die grenzenlose Selbstironie Reiner Calmunds ist umgeschlagen in überbordende Selbstüberschätzung. Wo er nun auftritt, wird sich fremd geschämt. Calli ist kleiner geworden, als er tatsächlich ist. Und so passiert dem viel besprochenen Ex-Manager, gerade durch den selbst mitbefeuerten Diskurs, genau das, was man vielleicht eine „Self-fulfilling Prophecy“ nennen könnte. Calli wird als heruntergewirtschaftet, und vielleicht sogar ein Stück weit der Realität entrückt wahrgenommen. Damit bleibt der voluminöse Körper Calmunds als Hülle zurück, die nun mit Eigeninterpretationen gefüllt werden kann: „Siehst Du, der Calmund, war doch klar, das mit dem was nicht in Ordnung ist.“ „Klar war der schwul, so wie der die Spieler immer angeguckt hat.“ „Klar war das ne RassistIn, ne. ReinSie hat Menschen immer nur als Kapital gesehen, Du, deswegen auch dieses skrupellose Farmteam in Brasilien, ne.“ „Er hat den Haider ja auch als EM-Botschafter kennen gelernt.“ Zumindest das letzte Zitat stimmt. Eine Affäre muss sich deswegen noch lange nicht entwickeln haben. Dennoch ist sie im Diskurs entstanden, eben gerade weil Calmund Angriffsfläche geschaffen hat. Zu einfach lassen sich die im Selbst als widersprüchlich wahrgenommenen Dinge endlich mal ins Außen projizieren. Als Resultat hat man eine Öffentlichkeit, die Calmund verunglimpft. Sie lässt die eigenen Vorstellungen über den Wahnsinnigen, der wahrscheinlich als nächstes noch bei Raab vom Zehner platscht, wahr werden. Dieser Prozess wird von Jacques Lacan beschrieben. Die Realität die wir wahrnehmen, ist nicht das was sich tatsächlich auf der Beerdigung Haiders abgespielt hat, sondern das, von dem wir denken, dass es sich abgespielt haben könnte oder müsste.
Und genau deswegen war Reiner Calmund bitterlich weinend auf Jörg Haiders Beerdigung. Und selbstredend sind beide schwule Demagogen. Ich glaube Calmunds Schäferhund heißt „Blondi“.

knightriders dawn.

folgt man faucoult, dann ging der diskurs der fruehen renaissance davon aus, dass die welt ein zeichensystem sei, in der ueber ein spiel von aehnlichkeiten der weltenplan in ungezaehlten konstellationen in makro- und mikrokosmos aufscheint. das zeichen repraesentiert nicht eine darunter liegende wahrheit, sondern ist vielmehr selber teil dieser wahrheit, die schrift unmittelbar in die realitaet geschrieben. auch vorher schon durchzieht die frage nach dem verhaeltnis des besonderen und des allgemeinen die debatte der scholastik. bei hegel nun schliesslich reitet das allgemeine in einem eher klein geratenen kaiserkoerper sogar unter dem fenster entlang.
geht das? wissen wir nicht. aber dass es passiert und seinen namen sogar laut herausschreit, das wissen wir. ein narr wer es nicht sieht. nach dem abriss des (zu diesem zeitpunkt) groessten seriell hergestellten bauwerks in berlin verkuendete dann auch ein bevokuhilater nichtmehrganz juengling, er habe es eingerissen. unglaeubig starrten die kleingeister – war es nicht die auslandsverschuldung (perestroika), die politische selbstaufgabe moskaus (glasnost) und die sich als flexibler herausstellende verwertungsmaschine des westkapitalismus gewesen die honneckers schrebergaertner- und uhrmacherstaat in den ruin getrieben hatten? wer denn nun, der siegeszug der neoliberalen hegemonie oder david hasselhoff? wieso oder? wer hatte denn „i’ve been looking for freedom“ geschmettert und sich wie manch anderem weis gemacht in diesem nappaleder meets rosamunde pilcher – quatsch zucke etwas anderes als rock fuer versicherungsangestellte? dass hinter diesem schrei nach dieser freiheit etwas anderes sich verberge als die troestliche ungewissheit was das eigentlich ist?
nun denn. eben ein prinzip dass freiheit mit einem maximal grossen deutschen freundeskreis vereinbaren kann. und wenn dieser mann dann ein jahr vor der (noch-[finanz-])krise versucht sich mit teurem billigen fusel darueber hinwegzutaeuschen, dass seine erfolge nach achzigern und kidpolitur riechen, noch etwas mit naehrwert in sich hineinzuschieben und dabei immer wieder wiederholt „i’m good, i’m good, i’m…“ haetten wir gelacht, wenn wir gewusst haetten wer da lag? und wissen wir was dann passierte? konnte er den fusel bei sich behalten. gab es ein grossangelegtes internationales katerfruehstueck (french toast)? und wie kam er auf die beine? hoffen wir alle darauf, dass das nichts damit zu tun hat, was wir finden, wenn wir unter „david hasselhoff news 2008“ suchen: command&conquer.