Archiv für Mai 2009

reaktionäre provinzposse

göttingen ist eine seltsame stadt. irgendwie scheint der zuckerwürfel, der sich an den ufern der leine langsam in die zuckerlösung der absoluten bedeutungslösigkeit verflüssigt, die opposition von metropole und peripherie in einer ganz eigenen art aufzuheben – fast scheint es als hätte der grauslich theosophische hermann hesse in seinem noch grauslich theosophischeren „glasperlenspiel“ eine gewichtigere form göttingen vor seinem inneren auge gehabt – (mehr…)

subjektiv gehupft wie objektiv gesprungen

Wenn sich die Spreu vom Weizen trennt, dann wird das Korn gemahlen, gebacken und verspeist, die Spreu aber wird entweder ans Vieh verfüttert oder weht mit den Winden bis in alle Ewigkeit durch die Lande. Das ist ein wenig pessithetisch, aber die Metapher trägt einzwei Nasenlängen weit. Zumindest wenn gerade die verdrängten und düsteren Aspekte einer Zeit als Mechanismus des Erinnerns selbst oft weiter tragen als die Erinnerung .
Übriggeblieben von der Kritik und Selbstkritik – die der exhibitionsistischere Teil der westdeutschen Linken wie eine Monstranz vor sich hertrug um seinem oft bierbiederdogmatischen Tonfall einen Hauch von Offenheit zu geben – ist in allererster Linie die libidinöse Ökonomie des Geständnisses. Wie hat man sich doch damals geirrt. Aber: historisch war das notwendig. In einer Art affirmativer Inversion von marxschem Geschichtsdeterminismus hatte man subjektiv unrecht aber objektiv recht: man war traumatisiert, vernagelt, gelangweilt und deswegen aus gutem Grund schlechterdings Kommunist. Damit hat man objektiv dafür gesorgt, dass alles netter und weniger nagelig wurde, weswegen nichts verquerer und eigentümlicher ist, als heute noch Kommunist zu sein – weil jetzt ja alles in Butter ist und Dank der Umweltbewegung nochnichteinmal mehr in dioxinverseuchter Margarine. (mehr…)

delirium

pacman is killing my blog. wenn man tag für tag einfach versuchen muss seinen rekord zu toppen, wenn man beim einschlafen wakawaka denkt und sich entsetzt selber zusieht wie man sich in einen zuckenden sabbernden rest seiner selbst verwandelt, der apathisch mit seinen fingern auf den pfeiltasten hin- und herrutscht, dann wird es zeit die notbremse zu ziehen. internetabhängigkeit ist das eine, aber wakawakaabhängigkeit ist durch den offensichtlichen verzicht auf jeden kulturellen anspruch eine zu grausame realität um einfach hingenommen zu werden. also greift man zu brachialen mitteln. lädt das neue eminemalbum herunter, leiht sich „the secret window“ aus und nimmt den band mit den vorträgen, essays und dem titel „oddyseus letzte reise“ aus der borgesgesamtausgabe zur hand – wenn die realität im begriff ist, sich in paranoisch geschlossener stumpfheit selber einzukreisen, dann versagt borges nie – und katapultiert einen zuverlässig nach fantasien. selbst und gerade wenn er sich vorgeblich nicht mit fiktionen herumplagt. und so verschlangen ich und ein kurzer aufsatz über träume uns gegenseitig. einiges wird wohl für immer in der rubrik „unnützes wissen“ gespeichert werden. wie z.b., dass nightmare zwar ethymologisch ähnlichen ursprunges ist wie der alptraum, wortwörtlich aber nunmal inzwischen „nachtmähre“ heißt- und in shakespears sonetten auchnoch so verwendet wird, nämlich als „grausames pferd der nacht“ – werde ich jemals in eine dinnerkonversation geraten, in der ich dieses wissen als kulturelles kapital umsetzen kann? vermutlich nicht. der umstand das borges angeblich „viele psychologische schriften“ zu dem thema träume gelesen hat, dort allerdings keine erwähnung der literatur gefunden hat, lässt nur den schluss zu, dass er sich eben nicht mit freud auseinandergesetzt hat.
zu guter letzt findet sich allerdings eine frage, die mich nichtmehr losgelassen hat. der umstand, das man im schlaf, metaphorisch gesprochen, in der lage ist gegen sich selber schach zu spielen. dass man in der lage ist ein buch zu lesen, das man im selben moment schreibt – trifft sich nämlich prima mit der frage aus „secret window“: wenn ich eine düstere bedrohung herbeihalluziniere, die in letzter instanz dazu „dient“ mich zu einer tat zu zwingen, die meinen triebhaushalt wieder ins gleichgewicht bringt – dann war der grund dafür zwar augenscheinlich der triebkonflikt, aber wenn sie am ende auf die lösung des konfliktes zielt, war die tat dann als bedeutung bereits präsent bevor ich gegen meinen willen zu ihr gezwungen wurde? wenn ich, um borges beispiel aufzugreifen, von einem freund mit bedrücktem gesicht und verborgener rechter hand träume, und sich am ende herausstellt, dass er diese hand verbirgt, weil sie sich in eine vogelkralle verwandelt hat – war sie dann von anfang an verborgen, weil sie eine vogelkralle war, oder war sie eine vogelkralle weil sie verborgen war? kann die funktion des symtoms dem symtom vorausgehen?
zumindest um wakawaka zu entgehen, war das ausreichend. nur: taumele ich jetzt in den nächsten wahnsinn? war wakawaka also vielleicht nur der vorwand, um endlich mal wieder an borges freizudrehen? who knows.