Archiv für Oktober 2009

täglich eine gute tat.

vor wenigen wochen berichtete ich in diesem blog wie ich ein zeit-abo abbestellte. ich erhielt nun einen brief, in dem ich recht individuell und – ach‘ lest selbst:

sehr geehrter Herr XXXX,

wir bedauern sehr, dass Sie DIE ZEIT nicht mehr im Abonnement beziehen möchten.

Hat DIE ZEIT – eine der renommiertesten Zeitungen Deutschlands – Sie nicht mehr überzeugt?

Welche Gründe Sie auch immer haben:
Wir würden uns freuen, wenn Sie der Zeit weiterhin als Leser erhalten bleiben.

Wenn Sie sich weiterhin ein wenig Zeit für DIE ZEIT nehmen, werden Sie merken, dass wir alles daransetzen, den hohen Ansprüchen unserer Leser gerecht zu werden.
Und vielleicht dürfen wir Sie irgendwann einmal wieder als ZEIT-Abonnent begrüßen.

Wir bedanken uns für das in der Vergangenheit entgegengebrachte Vertrauen und verbleiben
mit freundlichen Grüßen

(kopierte Unterschrift mit pixeligen Rändern) (Geschäftsführer)

nun gut. wer eine email von mir mit einem sooo liebevoll gestaltenen schreiben beantwortet, dem bleibe ich auch keine antwort schuldig! also tippte ich:

sehr geehrter Herr Geschäftsführer,
vielen Dank, dass Sie sich die ZEIT genommen zu haben, meine Email mit einem Brief zu beantworten. Da will ich mich natürlich nicht lumpen lassen und gebe auch Porto aus – ich will ja nicht des Geizes bezichtigt werden. Leider meine ich Ihrem Schreiben entnehmen zu können, dass ich mich in meiner (zugegebenermaßen sehr knappen) Email nicht deutlich genug ausgedrückt habe. Ja, eine der renommiertesten ZEITungen Deutschlands konnte mich nicht überzeugen, auch nicht mit dem Umstand, dass sie eine der rennomiertesten ZEITungen Deutschlands ist. In der Tat halte ich von diesem Land und seinen ZEITungen im Allgemeinen so wenig, dass ich im besonderen, also Ihrem Fall, nicht weiß, ob dieser Umstand mehr darüber aussagt wie wenig ich von Ihrer ZEITung, oder wie wenig ich von Deutschland halte – was aber vermutlich einem Geschäftsführer Helmut Schmidts nicht einleuchten kann, da es ihm nicht einleuchten darf. und umgekehrt, wie Herr Schmidt hinzufügen würde, weil er allem eine Banalität im Brustton einer Weisheit hinzufügen muss um nicht zu heißer Luft und der Unterschrift unter dem Nahtod-Doppelbeschluss zu zergehen. Wie dem auch sei: ich bedauere Ihr Bedauern ob des Umstandes, dass ich Ihre ZEITung nicht aufabonnemiert haben möchte. Vielleicht mildert es ja Ihre Pein (die, ich hab das überschlagen, brutto über 150euro pro jahr weh tut) zu wissen, dass sie mich garantiert nicht wieder als Abonnement begrüßen dürfen, erst recht nicht, wenn Sie „alles daransetzen, den hohen Ansprüchen (Ihrer) Leser gerecht zu werden“. Denn die Ansprüche genau dieser Knallchargen, die Ihre so gelehrte und geleerte Liberalität jede Woche wieder zusammen mit der Gesamtscheiße verteidigt, begründet und geheiligt sowie in einen Schlafrock aus Tiefsinnsstimulanz gebacken sehen wollen, damit Ihre eigene traurige Zuliefererexistenz für den Monopolkapitalismus der imperialistischen EU sich sinnsatter anfühlt, im Extraformat, ist es die Ihre ZEITung fast noch unerträglicher macht als SpiegelOnline. Deshalb bleibe Ihnen nicht als Leser aber hoffentlich generell noch ein wenig erhalten. Sollten Sie also Fragen nach der korrekten Linie haben, oder sich einfach mal den Frust über das Leben als ZEITgeschäftsführer von der Seele schreiben wollen: schreiben Sie mir! bis dahin verbleibe ich.
XXX

uiuiui und oioioi


Die derbsten Geschichten schreibt nur das Leben selbst; und so auch diese.


so beginnt eine geschichte die nicht das leben geschrieben hat, sondern eine „kampagne“. in liebevoller kleinstarbeit wurden aus linksakademischem flugblattjargon, googlerecherchen und entrüstung zeilen zusammengeschustert, die einen in ihrer drolligkeit fast vergessen lassen wie hanebüchen die transportierten behauptungen sind. probe gefällig?

Auf einem Konzert einer international bekannten „Punk“-Band, welche in einem linken Zentrum spielt, verbrennt der Sänger auf der Bühne plötzlich eine Fahne des Staates Israel. Dies kann eigentlich in vielerlei Ohr nur als antisemitische Aggression gelten und, aus einem progressiv-emanzipatorischen Standpunkt heraus, nur einen gigantischen Eklat zur Folge haben.


dass eine „punk“-band (die gänsefüßchen könnten in zweierlei sinn verstanden werden. entweder machen echte punks, also die ohne “ sowas nicht, oder unser autor ist sich nicht sicher wie er die band musikalisch einordnen soll), „plötzlich“ eine israelfahne verbrennt, soll hier nicht diskutiert werden. aber dass das in „vielerlei ohr nur als antisemitische aggression gelten“ kann, ist ein (grauslich formulierter) allgemeinplatz: zumindest in mancherlei ohr, genauer nämlich in dem des autors, tut es das. das ohr in dem das gilt, ist übrigens ein progressiv-emanzipatorischer standpunkt und aus diesem punkt heraus kann das nur einen gigantischen eklat zur folge haben. da aber außerhalb des ohrs, welches ein standpunkt ist, nichts heraus- was dem gleichkommt, treten wir einen schritt zurück und kürzer und betrachten die situation:

Zwar gab es in Freiburg Kritik an diesem Verhalten der Band, jedoch reichen die Wellen dieser nicht aus, um weiteren Orts Konzerte zu verhindern, oder den Gegenstand wenigstens differenziert und kritisch zu betrachten. Und so auch wird im Jahr 2009 der Band in vielen (meist sich selbst bezeichnenden) linken, autonomen Zentren und Häusern zu weiteren Auftritten verholfen und eine Möglichkeit zur Projektionsfläche geboten.


die wellen der kritik reichen also nicht aus um den gegenstand kritisch zu betrachten, nicht einmal in linken zentren, derer meiste sich selbst bezeichnen. das ist natürlich ein skandalöser umstand, der unserem ohrenstandpunkt um so saurer aufstößt, weil auftritte eine möglichkeit zur projektionsfläche bieten. und weil die kritik nicht genug wellen schlägt, soll es zumindest das ungeduldige papier, dass diesen umstand anprangert, zu welchem zwecke große mengen geifer tropfen müssen:

Dieser Band und ihrem Auftritt, so fordern wir, ist sich in aller Drastik entgegenzustellen.

denn:

Könnte die Band das Verbrennen einer Israel-Fahne auf einer Bühne noch so argumentativ gut (v)erklären, richtiger würde es trotz allem nicht. Denn die schwerwiegenden Komplikationen des Tun und Handelns, die „Oi Polloi“ zu Tage bringen, rühren wesentlich profunder, um es indes am Verbrennen einer Israel-Fahne dingfest machen zu können. Das allein zeigt sich bereits bei der Namensgebung: „Oi Polloi“ lässt sich auf deutsch in „Das gemeine Volk“ übersetzen; und derart gebärt die Band sich. So tourt „Das gemeine Volk“ in bester Robin Hood-Manier gegen die Ungerechtigkeiten an den Armen, Unterdrückten, Heimatlosen und Einheimischen durch die Welt.

wie man zweifelsohne daran sieht, dass oi polloi sich mit das gemeine volk übersetzen lässt, rühren die komplikationen so profund, dass man es nicht am verbrennen einer flagge dingfest machen kann. egal wie argumentativ die das erklären, die schweine. weshalb die band schlimmer ist als robin hood, gegen den ja bereits mehrere erfolgreiche kampagnen gefahren wurden. im anschluss gurkt der text noch ein wenig durch die dummheitsrabatten der band und ihrer freunde, um den ratlosen leser mit dem schluss zurück zu lassen:

Sollte nun durch diese (oder andere) Informationen auch jetzt noch kein Problem darin gesehen werden, dass ein Auftritt von „Oi Polloi“ in der „Friese“ angesetzt ist, hat sich nicht nur regressive Kritikfeindlichkeit an dieser Stelle durchgesetzt, sondern vielmehr ein vermeintlich aufgeklärtes und fortschrittliches Projekt versagt respektive sich selbst entlarvt.

immerhin: der satz sagt zwar nicht was er sagen will, aber immerhin die wahrheit. wenn durch die informationen kein problem in dem auftritt gesehen wird, dann hat ein vermeintlich aufgeklärtes projekt, nämlich die kampagne, versagt, weil die das ja garnicht vorhatte. idiotsarewinning heißt der blog dem der text entnommen wurde übrigens. bleibt uns nur zu hoffen dass dem nicht so ist – und zumindest dieser idiot1 nicht gewinnt.

  1. der singular wird nicht verwendet um irgendeine bedeutung kleinzureden, in der tat meine ich, dass solche flitzpiepen auch zu zehnt nicht mehr sind als alleine. aber zugunsten unseres aufgeregten kritikers gehen wir mal davon aus, dass niemand seine ergüsse gegengelesen hat. [zurück]

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