Archiv für Juli 2010

ein kristall der widerlichkeiten

es gibt ereignisse, auf die blickt man, und je länger man blickt, umso mehr organisiert sich die welt um sie herum. thomas maul hat ein buch geschrieben, das auf so beispiellose weise alles vereint, was an rechtskonservativen ressentiments sich unter dem namen „antideutsche kritik“ versammelt, dass es das elend der linken in konzentrischen kreisen um sich zu versammeln scheint. selbst beim ça ira-verlag, von dem man so einiges, eben nur nichts gutes, erwartet, haut es mich immernoch vom hocker, dass ein buch mit einem solchen deckel:

erscheinen kann. natürlich will es in spätestens ein paar wochen wieder keiner gewesen sein und man müsse trotzdem einsehen, was die ad’s alles wichtiges in die diskussion und – ja wir kennnen den text. ist natürlich käse. falls man es so kryptohegelsch-tresendialektischa aufziehen möchte wie der gute maul es tun würde: in seinem buch verdichtet sich der allgemeine wahn des mit sich selbst identischen antideutschen schwachsinns zu einem mit suizidalem verve vorgetragenen taumel der unmöglichkeiten. und weil man das nicht alles nocheinmal durchdeklinieren muss: hier zwei beiträge, die sich der undankbaren aufgabe verschrieben haben, diesen wahnsinn zu kritisieren:
ofenschlot: thomas maul und der bankrott
rhizom: sex, djihad und plagiat
update (01.08.2010): ofeschlot: letzte worte
aber mal im ernst:

Krieg den deutschen Zuständen! Allerdings! Sie stehn unter dem Niveau der Geschichte, sie sind unter aller Kritik, aber sie bleiben ein Gegenstand der Kritik, wie der Verbrecher, der unter dem Niveau der Humanität steht, ein Gegenstand des Scharfrichters bleibt. Mit ihnen im Kampf ist die Kritik keine Leidenschaft des Kopfs, sie ist der Kopf der Leidenschaft. Sie ist kein anatomisches Messer, sie ist eine Waffe. Ihr Gegenstand ist ihr Feind, den sie nicht widerlegen, sondern vernichten will. Denn der Geist jener Zustände ist widerlegt. An und für sich sind sie keine denkwürdigen Objekte, sondern ebenso verächtliche, als verachtete Existenzen. Die Kritik für sich bedarf nicht der Selbstverständigung mit diesem Gegenstand, denn sie ist mit ihm im reinen. Sie gibt sich nicht mehr als Selbstzweck, sondern nur noch als Mittel. Ihr wesentliches Pathos ist die Indignation, ihre wesentliche Arbeit die Denunziation.

(marx)
in diesem sinne: ça ira enteignen, thomas maul in die produktion. und wenn jetzt wieder jemand mit „das ist kein umgang mit innerlinker kritik“ kommt, dem sei gesagt: wer diesen konterrevolutionären, rassistischen und sexistischen schwachsinn auch nur in seinem politischen umfeld duldet, der kritisiert nicht innerlinks – und wird dementsprechend auch nicht innerlinks zurückkritisiert.

besonders stumpf – die faz erklärt die serbischen befindlichkeiten.

in einer wohlredigierten tageszeitung wie der faz schreit einen das politische und moralische elend der verfasser selten so von der titelseite an, wie man es von der „die sieben schlimmsten sex-monster“-bild gewohnt ist – im regal des zeitschriftenfachhandels präsentiert man sich kühl, gelassen und zurückhaltend. eine ziemlich angenehme angewohnheit in einer branche, in der das optische anbrüllen wehrloser passanten zu den hauptwerbestrategien gehört. blättert man sich doch ein wenig tiefer in das textgemäuer, so scheint das so wohl verborgene allgemeine eben doch im besonderen auf. so auch wieder in einem artikelchen der gestrigen (27.juli 2010) faz, der den titel „besonders scharf“ trägt, vom serbischen außenminister vuk seremic handeln soll und doch nur die haltung des autors, michael martens, im angesicht von widerspruch gegen den imperialismus der nato staaten zur schau trägt. aber holen wir aus:
es gehört zu den vielversprechenden, aber oft wenig haltenden eigenschaften des homo sapiens, recht von unrecht scheiden zu können. dagegen gehört es zu den wenig versprechenden, aber ziemlich oft wirksamen eigenschaften, im zweifelsfall diese entscheidung auch wieder zu kassieren, weil einem das hemd eben näher ist als die jacke. der daraus entstehende widerspruch, den viele spüren und manche sogar wahrnehmen, kann auf ganz verschiedene arten bearbeitet werden. scham und selbstironie gehören zu den angenehmen, selbstgerechtigkeit und leugnung zu den unangenehmen und reflektion und aufhebung zu den seltenen formen dieser bearbeitung. auch einem konservativen stünden all diese drei möglichkeiten offen, um mit dem unrecht der zerschlagung jugoslawiens und dem angriffskrieg gegen das als „serbien“ titulierte restjugoslawien umzugehen – michael martens entscheidet sich für den mittleren, also den unangenehmen weg.
anlass seiner schreibarbeit sind die äußerungen des herrn jeremic. „Niemals“ werde serbien die unabhängigkeit des kosovo anerkennen, so hatte er gesagt, in den worten des herrn martens allerdings „skandiert“ – würde man dem ganzen nicht den anstrich des dümmlich parolenhaften geben, dann könnte man nämlich bemerken, dass spanien, russland, die türkei und andere mehr die unabhängigkeit des kosovo ebenfalls nicht anerkennen. das wiederum würde diese äußerung, genau wie die sachlich richtige feststellung, bei dem igh-gutachten handele es sich um eine „technische Erklärung“, nicht als „Protzerei mit politischen Phrasen“ erscheinen lassen, als die herr martens sie präsentiert, und dann hätte er keinen grund für seinen artikel.
der nämlich nimmt sich vor, die frage zu beantworten, warum jemand, der in cambridge und harvard studiert habe, so hartnäckig so politisch protze. denn eigentlich müsse der doch wissen, das eine eu-mitgliedschaft für serbien ein segen, der kosovo als provinz hingegen ein fluch wäre. in anderen worten also: warum die doofen serben sich nicht erpressen lassen, wenn andere über ihre staatsgrenzen bestimmen wollen. weil man das aber nicht für alle serben klären kann, konzentriert man sich eben auf den außenminister, und weil das auch schwierig zu sein scheint: einfach auf seinen familiären hintergrund.
und da wird aufgefahren. muslime seien sie gewesen, und partisanen im zweiten weltkrieg, und als ob das noch nicht genüge: auch noch kommunisten. und wie es sich für muslimische partisanenkommunisten geziemt, nennt man sie deshalb auch nicht familie, sondern „clan“. kein wunder, dass die unter tito ganz schrecklich reich und einflussreich und korrupt wurden, wie das mit „clans“ eben so ist. nun stellt der artikel am ende selber fest, dass der herr jeremic dafür nichts kann – aber in den augen der serbischen nationalisten sei er als kind von muslimen und kommunisten so bemakelt, dass er das übertönen müsste. warum, wenn das ein so schwerwiegender makel ist, er trotzdem außenminister werden konnte, darüber schweigt der artikel, wie auch über die frage, warum denn die serbischen nationalisten so gegen die unabhängigkeit des kosovo sind, ganz ohne muslimische und kommunistische ahnen. in wirklichkeit erfüllt der artikel nur einen einzigen zweck: die ausgebombten und gedemütigten des nato-angriffskrieges noch einmal als die primitiven und verbohrten ochsen darzustellen, als die man sie schon bombardiert und gedemütigt hatte. was als abwesendes den ganzen text durchwirkt, ist der simple umstand, dass das urteil des igh nur das aktuellste kapitel eines imperialistischen schmierentheaters ist, das von anfang an auf verleumdungen und tatsachenfälschung beruhte und diese mit immer neuen zu verdecken versucht –

ein unterfangen, dem sich auch herr martens nach leibes- und geisteskräften gewidmet zu haben scheint: wenn die weste nicht weiß ist, zieht man eben den kittel des therapeuten drüber.

die doktoren und das liebe vieh – wo in der medienlandschaft liegt das mordsspektakel von duisburg?

19 tote und 342 verletzte. das sind auch schon so ziemlich die einzigen einigermaßen verlässlichen informationen, die über die ereignisse in duisburg bis jetzt zu haben waren. alles andere, was so über die bildschirme flimmerte und in zeitungen zu finden war, sagt mehr aus über das verhältnis der berichtenden und berufsquatschenden zu ihrem publikum und denen, die als leichen zum beigeordneten objekt ihrer profilneurosen geworden sind. wem die galle überquellen soll, der muss sich nichteinmal auf kath.net rumtreiben, wo ganz besonders betroffene christen sermonieren:

19 Tote sind schrecklich, aber zynischerweise bedeuten sie auch ein Ende dieses gotttlosen Treibens.
Insofern war ihr Tod sinnlos aber nicht nutzlos, beten wir für alle Seelen (Verkehrsopfer, Kriegsopfer, abgetriebene Kinder etc.)

merkel, wulff und konsorten sind, was sie immer sind, wenn eine kamera aufgezeichnet hat, wie leute, die sie weder kennen noch (so steht zu vermuten) sonderlich interessieren, sterben: betroffen, traurig, entsetzt und wasnoch. hannelore kraft hatte zu beginn ihrer stellungnahme noch hoffnungen geweckt:

„Unser Entsetzen über das schreckliche Unglück bei der Loveparade in Duisburg lässt uns verstummen“

ließ dem aber keine taten folgen, sondern redete sinngemäß dasselbe wie die letztgenannten. nun ist das zwar unangenehm, gehört aber nunmal zum job der angeführten: es ist ziemlich schwierig um jemanden zu trauern, von dem man keine ahnung hat, wird aber nunmal verlangt – nur würde man sich wünschen, dass jemand bei dieser gelegenheit einfach mal karl kraus beim worte nimmt – wer hier noch etwas zu sagen hat, der trete vor und schweige.
richtig widerlich wird es bei denen, von denen eben jener kraus einmal sagte, zu ihrer beruflichen qualifikation gehöre es nicht nur keine gedanken zu haben, sondern auch die unbedingte unfähigkeit sie zu formulieren. rtl lässt völlig erkenntnisfrei handyvideos von panischen menschenmengen zeigen (mittäter: bild.de) und auch der ard-brennpunkt kennt nur einen weg: immer ordentlich druff. der umgang mit den betroffenen straft dabei all das betroffenheitsgequatsche lügen. augenscheinlich völlig druffe raver brüllen „party“. das ist eklig, aber genau deswegen nichts was man unbedingt zeigen muss. jede einstellung, jede frage, jedes stirnrunzeln des moderators scheint nur einen einzigen zweck zu haben: die menschen als das enthirnte schlachtvieh zu präsentieren, dass sich durch tunnel treiben lässt und dabei in panik gerät.
die ständige betonung, dass diese jungen menschen nur „friedlich und ausgelassen feiern wollten“ verstärkt den eindruck noch: pikiert und angeekelt sieht der zuschauer menschen sterben und danach diejenigen, die einfach zusehen wie menschen sterben. dass das spektakel, hier eben in der form der loveparade, in einer mischung aus gleichgültigkeit, unverstand und profilsucht die menschen ganz praktisch zu schlachtvieh reduziert und diese menschen das auch mit sich machen lassen, um endlich mal nichts zu hören außer dem pochen eines 1-millionen menschenherzens, endlich mal atomisiert vermasst zu sein und nicht immer nur massenhaft alleine, das mag ja eine überlegung sein, die es zu reflektieren lohnt. deswegen muss man das phänomen aber nicht noch einmal mit betroffenheit bepinseln und medial verdoppeln. das unwürdige lavieren auf der anberaumten pressekonferenz, das hätte man ausführlich zeigen können. aber das wird nur kurz erwähnt. geht einem ja nicht so nah – am arsch vorbei.

religiöser fundamentalismus I.

viele niedersachsen wissen vermutlich nichteinmal, was sie wissen: nämlich wie es ist, von einem religiösen fundamentalisten regiert zu werden. dass christian wulff kuratoriumsmitglied bei „prochrist“ war, einem von evangelikalen durchsetzten missionierungsclub, hatte für wenig debatten gesorgt. auch dass er als redner bei dem obskuren sektenverein „arbeitskreis christlicher publizisten“ aufgetreten war, wurde rätselhafterweise kaum bekannt – dabei kritisieren sektebeauftragte, dass dieser haufen gegen homosezualität hetze, den sekulären verfassungsstaat ablehne und ein tummelplatz obskurer kreationistischer theorien sei (vgl.: mission gottesreich). alles in allem noch mehr gründe, wulff endlich vom vs überwachen zu lassen?
nein, denn die brd-bevölkerung en gros wird jetzt ganz sekulär bestaatsoberhauptet. witz des monats: wulff lässt seine mitgliedschaft bei prochrist ruhen. das muss man sich auf der zunge zergehen lassen: da engagiert der sich in den finstersten abgründen christlicher fortschrittsfeindlichkeit und wird im anschluss oberstes staatsoberhaupt. während gerade allenthalben die verfassungstreue von reformistischen sozialdemokraten in zweifel gezogen wird, muss er sich dazu noch nichteinmal distanzieren, sondern: lässt seine mitgliedschaft ruhen, um die neutralität zu wahren? fassen wir zusammen: zusammenarbeit mit rechtsextremen, christlicher fundamentalist, unterstützung von revisionisten – deutschland ist scheiße, brauchtet ihr beweise? ein kleiner blick auf die tribüne des deutschen politcircus genügt.

verfassungsschutz darf christian wulff weiter überwachen

ein guter tag für unsere demokratie1. wulff hatte sich in den vergangenen jahren durch mehrere instanzen beklagt: er hatte 1999 erfahren, dass der vs ihn, vor allem wegen seiner freundschaft zu dem jugendgewalttäter friedrich merz und seiner mitgliedschaft in der cdu, seit jahren überwacht. verbindungen der cdu in das rechtsextreme burschenschafter- und heimatvertriebenenspektrum könnten zwar nicht geleugnet werden, dennoch lasse das keine schlüsse auf seine persönliche haltung zur freiheitlich-demokratischen grundordnung und zum beispiel der oder-neiße-grenze zu.
die richter folgten dieser einschätzung zwar in weiten teilen, gaben aber dennoch zu bedenken, dass es innerhalb der union gruppen gäbe (csu), die offen kontakte in die bierzeltszene pflegten, aus deren reihen es immerwieder zu übergriffen gegen andersdenkende käme – darin folgten sie der argumentation des anwalts des verfassungsschutzes, der darauf verweisen konnte, dass der berliner innensenator körting (spd) die csu erst vor wenigen tagen als „braunlackierte kommunisten“ bezeichnet hatte. das die csu außerhalb ihrer hochburgen in bayern kaum einfluss auf die linie der partei habe, stünde zumindest in frage, wenn man bedenke, wie viele posten die csu‘ler und zahlreiche burschenschaftler in den landesregierungen und im bund stellten. zudem habe die union in den vergangenen jahrzehnten nicht nur immerwieder bestrebungen gezeigt, das grundgesetz radikal umzugestalten (wie bei der wiederbewaffnung, oder der abschaffung des asyl-paragraphen), sie habe auch viele ehemalige ns-verbrecher in ihren reihen geduldet oder posthum verherrlicht, in jedem falle aber die nötige distanz missen lassen. dazu vermerkte wulff in seiner gewohnt-souveränen art: „ich weiß nicht, was das für ein argument sein soll, ich meine, die heißen doch verfassungsschutz und nicht grundgesetzschutz“.
dennoch schränkten die richter die befugnisse des verfassungsschutzes ein: so sei es zwar zulässig, ein dossier über den bundespräsidenten anzulegen, also völlig erkenntnisfrei zeitungsabschnitte zusammenzuschnippeln um den herrn wulff zu stigmatisieren, v-leute und wanzen stünden aber trotzdem nicht zur debatte („das wären dann ja auch stasi-methoden“ soll jemand irgendwo gesagt haben).
das ist ein guter tag für unsere wehrhafte demokratie, ließen dann auch gleich wieder alle verlauten. und alle so: yeah, demokratie!

  1. allein dass ich mich frage, ob ich hier anmerken muss, dass das satire ist… [zurück]