Archiv für September 2010

nach dem sarrazinen-einfall II.

2. wie die paladine der meinungsfreiheit die demokratie in blut baden – oder: wie die brd soviel don quichottes hervorbringt, dass eine mehlknappheit droht.

nun, der herr sarrazin leidet, das haben wir im letzten teil gesehen, nicht unter verbaler inkontinenz gekoppelt mit tourette-syndrom, auch wenn es sich hin und wieder so anhört, sondern hat einen ziemlich schlüssigen ideologischen überbau zu einer widerlichen gesellschaftlichen realität geliefert. nun ist das aber, das wussten schon der herr engels und der herr marx, nicht so einfach mit der basis und dem überbau, denn sonst: „wäre das ganze ja simpler als eine gleichung ersten grades“ (engels), nein, der überbau wirkt auf undendlich viele verzwackte weisen auf die basis zurück. damit dann auch wirklich ein ruck durch die basis geht, darum hält die bürgerliche presse sich die journaille, von der schon peter hacks das wundervolle bonmot prägte: „Freiheit der Presse, na ja. Doch Wahrheit der Presse zu fordern. Hat sich, seh ich das recht, vor mir noch keiner getraut.“
und so wird eifrig daran gewerkelt, dass die äußerungen des herrn sarrazin nicht wieder in die nebelreiche des verschwurbelten verschwinden, ohne vorher größtmögliche gehirnverwesung angerichtet zu haben. immer wieder werden die catchphrases ins dumme volk genagelt, bis sie sitzen.
1. ob die political correctness nicht die demokratie gefährde, wenn sie auf die äußerungen des herrn sarrazin eindresche, die er selbstverständlich auch verurteile? so fragte süffisant ein sprechknecht des deutschlandfunks frau künast als die gerade wundervoll empört „rassist“ gesagt hatte, vermutlich zu herr sarrazin. diese masche ist nicht neu, die junge freiheit lebt von ihr. neu ist allerdings, dass sie sich durch alle medienbetriebe ausbreitet – faz, fr, sz: alle wollen doch mal sagen dürfen, aber selbstverständlich nicht sagen. dass herrn sarrazin einen rassisten nennen und glauben, dass er aus allen ämtern entfernt gehört, mindestens genauso von der pressefreiheit gedeckt ist, spielt keine rolle. eifrig, eifrig, damit die entmenschlichung die durch sarrazins geschwalle schwingt, möglichst schnell möglichst selbstverständlich wird.
2. die permanente berufung auf die masse der bevölkerung: wer permanent den verdacht verbreitet, sarrazin spreche für den „kleinen mann“ (bundesbanker tun so was), dann auf ihn eindrischt und dann per telefonumfrage versucht zu ermitteln, wie viele deutsche sarrazins meinung teilen, der wird fündig. jedes mal mehr. je stärker man den verdacht nährt, die politiker würden sich um die meinung ihres stimmviehs nicht scheren, desto mehr stimmvieh wird man empört blöken hören. bevor die selbstgeschürte unzufriedenheit dann überhandnimmt, kann man ja selber in berufung auf sie scharf rechts abbiegen.
3. das volksparteien solche provokateure aushalten müssen, ist eher geschmacksrichtung anne will. aber warum? ist es jetzt schon pflicht solchen leuten plattformen anzubieten? damit sie nicht selbst eine gründen? die drohung mit einer neuen „rechtpartei“ ist vielleicht die billigste in den letzten wochen lancierte drohung: soll die brd denn polen überfallen, damit frau steinbach keine neue partei gründet? eines sei sicher: wenn die spd die rasseeugeniker in ihrer mitte aufnimmt und die cdu die revanvchisten weiterpäppelt, dann nicht primär aus angst vor einer rechtspartei (die ohnehin wie ein ziemlicher zombieverein aussehen würde, bei den namen die da bisher genannt werden) sondern weil sie selber moralisch und politisch derart verwüstet sind, dass diese grellbunten neonreklamen der faschisierung des monopolkapitalismus ihre mitte bilden.
also: die deutsche eiche fällen und zu papier verarbeiten, kann solange keine perspektive sein, wie eine gefahr besteht, die deutsche presse könne sie bedrucken.

nach dem sarrazinen-einfall I.

eine unabgeschlossene bestandsaufnahme.

1. von der irrigen annahme, sarrazin irre sich.
„sarrazin ist der ghostwriter einer verängstigten gesellschaft“ – so übertitelte frank schirrmacher seinen artikel zu dem buch des kleinen mannes mit dem schnurrbart und dem geprügelten hundeblick. ein ghostwriter, das ist jemand, der für jemand anderes in dessen namen ein buch verfasst, wenn diesem die muße, aber vor allem das zeug zum schreiben fehlt. ein ghostwriter ist die antwort darauf, dass in der kapitalistischen gesellschaft meist die einen das zeug zum schreiben und die anderen das schreibzeug haben. nun trifft das oberflächlich auf sarrazin nicht zu. erstens: schrieb er in seinem eigenen namen. zweitens: lassen die wenigen auszüge, die bis jetzt verfügbar waren, nicht gerade den schluss zu, dass sarrazin mehr zeug zum schreiben hat als die gesellschaft, in deren namen er nicht schreibt. warum dann also ghostwriter? weil irgendwie das gefühl im raum steht, dass sarrazin etwas aufgeschrieben hat, was nicht ihm, sondern einer verängstigten gesellschaft entspringt. etwas, das irgendwie „alle denken“. und der medienbetrieb lässt keine gelegenheit aus, mit rebellischem grinsen den empörten spitzenpolitikern unter die nase zu reiben, dass sie auf der straße jemanden gefunden haben, der findet, dass sarrazin recht hat (womit auch immer, denn dieser jemand hat mit ziemlicher sicherheit das buch so wenig gelesen wie die hinterviewende journaille). in dieser arbeitsteilung in vier rollen: sarrazin spricht aus was die dummen leute denken, dumme leute denken was sarrazin sagt, die politik spricht nicht aus, dass die leute dumm sind, wohl aber dass sarrazin unrecht hat und die staatstragende journallie spricht aus, dass die politik die leute für dumm hält, nicht aber ob sarrazin unrecht hat, gerät das eigentliche verhältnis aus dem blick. sarrazins verbrechen in den augen der herrschenden ideologie besteht nicht darin, dass er falsches behauptet, sondern dass er haarsträubend richtige prämissen zu den schlussfolgerungen liefert, welche die politik gerade jener prägen, die jetzt auf sarrazin eindreschen. daher auch die selten dämliche, aber ubiquitäre feststellung, sarrazin habe richtige beobachtungen falsch unterlegt, oder, was der selbe stiefel in bunt ist: drängende probleme unglücklich formuliert. der trick ist: diese „unglückliche formulierung“ oder dieses „falsche begründen“ sind schon konstitutiv für die „richtigen beobachtungen“ die er mit den meisten seiner kritiker teilt. wenn in der FAZ vom 07.09.2010 zwei „entwicklungspsychologen und begabungsforschern“ das wort erteilt, die dann erklären, dass eine us-amerikanische studie herausgefunden habe: „dass dreijährige Kinder aus „Welfare“-Familien von ihren Eltern etwa 10 Millionen Wörter gehört haben, gleich alte Kinder aus „Professional“-Familien von ihren Eltern aber schon 30 Millionen Wörter.“ und das folgendermaßen erläutern: „Ausschlaggebend für die Intelligenz- und Sprachentwicklung der Kinder war hier nicht so sehr die Schichtzugehörigkeit oder Ethnie, sondern die Erziehungsqualität und insbesondere das Sprechverhalten der Eltern, was, und das darf nicht ausgeschlossen werden, genetisch mitbeeinflusst ist.“ – dann hat man sehr schön beschrieben, wie man sich drumherumdrückt, dass Arme genetisch dumm sind:
1. Arme Kinder sind dumm.
2. Das hat nix mit der Armut zu tun, sondern damit, dass die Eltern sich dumm anstellen.
3. Was genetisch mitbeeinflusst sein könnte.
für den ersten teil unserer Bestandsaufnahme gibt es also schon eine hilfreiche schlussfolgerung: wer auch immer sarrazin widerspricht, seine beobachtungen aber „im prinzip richtig“ findet, ist in wahrheit sarrazins ghostwriter.

lesen!

brüder, zur sonne zur freiheit auch deswegen wird der blog jetzt verlinkt.

wieder da

und mit der sonne auf der innenseite des gesichts, dem motoröl noch an den ellenbogen und dem geruch von thymian und paprika in der nase sei nur soviel gesagt: es war zu schön, und ich bin noch zu verballert, um meine urlaubsimpressionen auch in noch so verschlüsselter form in das säurebad der commentspalten zu werfen.