Archiv für Oktober 2010

schall und rauch.

das jugendzentrum, oder der veranstaltungsort an dem die linke sich halt so tummelt, hat neben vielen unangenehmen auch unterhaltsame aspekte. an der schwelle zwischen dem politwohnzimmer und der straße, die man sonst vorzugsweise in größeren trupps marodierend durchschweifen möchte (antipolitik gegen das falsche ganze und so), haust diese hütte in der ununterscheidbarkeit: wie der letzte assi benehmen kann man sich nicht (wegen: nähe zum wohnzimmer), aber an den putzplan halten will man sich auch nicht (wegen: ferne vom wohnzimmer). hier, wie beim sprechen über die szene, diesem erweiterten freundeskreis mit politplakat und wochenendzeitplan, purzeln die kategorien öffentlich und privat, politisch und unpolitisch, solidarität und freundschaft, interesse und argument so munter durcheinander, dass es eine wahre freude ist. und wenn das durcheinander sich gerade lichtet, verheddert es sich an neuer stelle oder irgendeine unberufene ruft: „das private ist politisch“ in dem falschen zusammenhang und das ganze schöne durcheinander beginnt von vorn. zu den evergreens der diskussion gehört die frage nach dem rauchen.
um die unhandliche diskussion um im-regen-stehen, husten, geruch, rauchkater und balkonflirt irgendwie handhabbar zu machen, finden sich immerwieder versuche den konflikt zu politisieren. das ziel ist klar: in einer unangenehmen auseinandersetzung dadurch festen boden unter den füßen zu bekommen, dass man sie in bekannte kategorien kloppt. unvergessen unsere beiden helden, die versuchten, mit ihrer ganz eigenen, in’s adornitische jargonierten mischung aus antideutscher paranoia, liberaler politischer theologie und psychoanalyse das rauchen wahlweise zum „gottseibeiuns“ oder der letzten richtigen handlung im falschen ganzen zu theoretisieren.
aus ganz anderer richtung kommt nun eine neue, als politik getarnte moralisierung in die wiederholungsschleife des ewiggleichen. positiv hervorzuheben bleibt: der versuch verzichtet zumindest auf unzulässige bis widerliche parallelisierungen – weder wird rauchen zur vernichtung noch zur vergewaltigung. das niveau der auseinandersetzung ist niedrig genug, um das positiv anzuerkennen. dennoch, und gerade weil, der beitrag nicht so grelldoof ist, sei hier widerspruch eingelegt. das problem ist dabei nicht, dass permanent pappkameraden aufgebaut werden:

Es wäre falsch NichtraucherInnen in einen Topf mit dem Staat zu schmeißen.

auch wenn das link ist- wer zum kuckuck tut das denn?
nein, das problem ist die konstruktion eines politischen skandals aus dem umstand der „exklusion“. ja, es ist doof, wenn leute nicht auf eine party können, weil dort geraucht wird. genauso wie es doof ist, dass rollstuhlfahrerende nicht in parties kommen, die nur über eine treppe zuguanglich sind und sich trockene alkoholikerInnen nicht auf parties trauen, auf denen der alkohol in strömen fließt, oder hundebesitzende auf parties auf denen permanent flaschen zerdeppert werden. allein: eine rauchfreie nichttrinkerInnen-party im parterre bei musik in zimmerlautstärke, da sind sich viele einig, kann die lösung nicht sein. dass genuss nicht heimlich und allein im subjekt stattfindet, sondern mit geruch, lärm, berührung und gesundheitsgefährdung für sich selbst und andere einhergeht, das ist der große narzisstische liberale weltschmerz: die eigene freiheit kollidiert permanent mit der der anderen. das heißt nun auch nicht feuer frei: kettenrauchende drogenorgien auf baugerüsten für alle! sondern lediglich, dass ausschluss ein unvermeidliches beiprodukt fast jeder entscheidung ist – selbst bei veranstaltungen muss ein basiswissen vorausgesetzt werden, das sicherlich ebenfalls nicht alle mitbringen können. nichts spricht gegen nichtraucherparties, außer dem umstand, dass viele gerne auf parties rauchen. nichts spricht gegen raucherparties, außer dem umstand, dass viele den rauch nicht mögen und manche nicht vertragen.

Linke Kultureinrichtungen müssen für alle zugänglich sein,

das mag ja sein (oder auch nicht), aber in jedem falle nicht zu jeder zeit. ein schwarzlichtrave ist nichts für epilepsie-erkrankte und eine diashow nichts für blinde – das kann vor jeder party diskutiert werden, muss aber diashows und schwarzlichtraves nicht für immer aus linken „kultur“zentren verbannen.

metanews von vorgestern

Bundesrepublik Deutschland:
In der gesamten BRD kam es am Samstag und Sonntag zu Nachrichtenberichterstattung zu den Veranstaltungen anlässlich des 20 Jahrestages der Angliederung des Staatsgebiets der ehemaligen Deutschen Demokratischen an die Bundesrepublik. Beobachter berichten, es habe sich dabei ausschließlich um Wiedergaben von Reden aus Regierungskreisen gehandelt. Auch die beinahe komisch wirkende gewollt-professionelle Verwendung des Konjunktivs in der Wiedergabe habe dabei keinerlei verfremdenden, distanzierenden oder gar kontextualisierenden Effekt gehabt. Vielmehr habe die Unterwürfigkeit unter die offizielle staatsideologische Deutung dieses geschichtlichen Ereignisses ein Niveau erreicht, dass selbst die liberaldemokratisch-antikommunistische Angstfantasie von „gleichgeschalteten Ostmedien“ locker links liegen ließ.

ps.: den Vogel hat allerdings mdr-jump bei dem Versuch abgeschossen, auch die Demonstration gegen die Feierlichkeiten in Bremen zu erwähnen: „Die Demonstranten trugen Transparente mit Aufschriften wie ‚Patriotismus nervt‘. Einige Demonstranten trugen künstliche Schnurrbärte.“ Punkt. Aus. Ende der Meldung.