vom fehlenden Anstand der Aufständigen

Seit ich durch den unsterblichen Glenn Beck vor einem Jahr auf das Buch „Der kommende Aufstand“ aufmerksam wurde, trug ich mich mit dem Gedanken einer Rezension. Und in der Tat, auch wenn Ofenschlots Kurzbeschreibung den Kern der Sache einkreist:
„(Lesen Sie Debord durch die Brille Agambens, fühlen Sie sich in Ihrem heimeligen Berliner Kiez mal für einen Moment so richtig unwohl, erinnern Sie sich an Ihre Jugend in Neumünster oder Düren, als Sie ab und an mal einen BILD-Zeitungsautomaten oder ’nen Telefonhäuschen platt gemacht haben, lassen Sie sich von Ihren WG-Mitbewohnern Dante, Rimbaud und Sorel LAUT vorlesen, legen Sie danach Kollaps auf, vergessen auch nicht die ein oder andere stark aufputschende Pille --- dann können Sie das Manifest glatt selber schreiben. Und das alles in einer Nacht!)“
so habe ich den Gedanken dennoch nicht aufgegeben. Allein, es kann der größte Eremit nicht in Ruhe formulieren und fabulieren, wenn ihm aus dem Feuilleton permanent Knüppel zwischen die Beine geworfen werden. Die Jungle-World hat nun diese Woche einen Artikel zu dem Thema veröffentlicht, der ein so dermaßen trauriges Bild seines Verfassers hinter den Text des Originals schreibt, dass zunächst dieses radiert werden muss, um den Blick auf jenes wieder frei zu bekommen. Es beginnt mit einer fetzigen Eröffnung:
„Nicht umsonst macht das französische Anarcho-Manifest »Der kommende Aufstand« hierzulande auch in den konservativen Milieus Karriere. Das Pamphlet strotzt nur so vor deutscher Ideologie.“
die zu 75% aus einer glatten Lüge besteht. Denn die sogenannten „konservativen Milieus“ von denen hier die Rede ist, werden im Folgenden nur an einigen Zeitungsartikeln belegt, die das Buch angeblich „wohlwollend“ besprechen. Nun habe ich mir anhand von Ofenschlots Recherchen die Mühe gemacht, die Artikel zu durchforsten. Reinertrag:

„Wer in der Hölle der Kulturkritik mit dem Teufel speist, der muss lange Löffel haben, denn bislang endet noch jede Unterredung mit ihm im Abgesang auf die Demokratie. So ist es auch hier.“
(Thomas Asseuer in der „Zeit“)

„Eine Theorie des Schwarzen Blocks also. Ihre Autoren werden vom Staatsschutz verfolgt, mit fragwürdigen Methoden. Wer protestiert? Die verachteten linken Milieus. In den heißen Vorstadtquartieren hingegen liest niemand solche Manifeste. Auch wenn jugendliche Banlieusards im Schutz von Demonstrationen hin und wieder die Polizei angreifen, ihre Betonburgen bleiben als Projektionsflächen für intellektuelle Rebellen ungeeignet. Denn dort ist die Gegenwart nicht bloß aussichtslos, vielmehr zieht sie sich hinter den Ereignishorizont des Ghettos zurück. Und übrig bleiben nicht Kommunen, sondern Banden.“ (Gero von Randow, ebenfalls in der „Zeit“)

„Nach dem Gewaltmonopol des Staates, nach dem Privateigentum und ohne öffentlichen Nahverkehr blüht höchstens ein sehr kurzer Sommer der Anarchie. Die unsichtbaren linken Militanten überschätzen ihre Kraft: Eine kollabierende öffentliche Ordnung würde nicht von Deleuze lesenden Kommunarden verbessert, sondern durch eine Mafia regiert. Wenn die Züge nicht mehr fahren, folgt nichts Besseres. Nach dem kommenden Aufstand kommen die schwarzen Geländewagen.“
(Nils Minkmar in der „FAS“)

„Der dritte Aspekt ist wahrscheinlich der beunruhigendste: Die totale Partizipationsverweigerung, dieses Hohelied auf den Privatismus – pardon: die Kommune – ist höchst beunruhigend in Zeiten, in denen sich europaweit die diffuse Unzufriedenheit, der Frust und die Angst immer heftiger entladen.“ (Alex Rühle in der „SZ“)

Na, wenn das keine „überraschend wohlwollenden Besprechungen“ sind! Was an dem letztgenannten Artikel besonders auffällt, ist neben dem Umstand, dass er noch am ehesten als „wohlwollende Besprechung“ durchgehen kann (also nur NICHT und nicht ÜBERHAUPTNICHT), vor allem eins: in diesem Artikel werden in das Buch des unsichtbaren Komitees all jene Philosophen hineingeheimnist, von denen auch die Jungle-World zu wissen vermeint. Nun, folgen wir dem Autor des Artikels doch auch mal in seinen Argumenten und Tatsachenbehauptungen, die nicht fettgedruckt sind. Eröffnet wird auch hier, wie in den Artikeln der „konservativen Milieus“ mit einer Vortäuschung von Restsympathie wegen der juristischen Verfolgung einer Gruppe, die des Bücherschreibens bezichtigt wird. Aber einen Absatz später macht man sich die bis heute unbewiesene Anschuldigung zu eigen:

„Mit »Der kommende Aufstand« hält man nun jenen Text in der Hand, der zur skandalösen Verfolgung der Tarnac 9 durch den französischen Staat geführt hat. Tatsächlich ist es nicht schwer, in Coupats Umfeld das Autorenkollektiv Comité Invisible zu erkennen, das als Verfasser des Buches angegeben wird.“

und weil der Jungle-World das Buch nicht schmeckt, „muss die Sympathie aufhören, die man der Gruppe wegen ihres traurigen – nicht heroischen – Schicksals schuldet.“

Was dann folgt ist ein Ritt durch die philosophischen Grundlagen, die der Text haben oder nicht haben könnte – in jedem Fall ist er „nicht Links“ und vor allem „strotzt“ er eben vor „deutscher Ideologie“. Darauf einzugehen, wäre dröge und würde die eingangs erwähnte Rezension vorwegnehmen – aber glücklicherweise erzählt uns die Jungle-World auch noch, warum sie sich selbst die Mühe macht, all das noch einmal durchzukauen:

„Es ist kein Zufall, dass das nun keiner der Bewohner der Banlieues verstehen dürfte, für die das Kollektiv zu stehen vorgibt. Die elitäre Revoluzzer-Pose ist das beste Mittel zur Schwächung der weitergehenden Kämpfe um die Emanzipation der Bürger von den Eliten. Wer ihnen Erfolg wünscht, muss von Schmitt, Heidegger und ihren antidemokratischen Konsorten Abstand nehmen und sich stattdessen zu den stets neu zu verwirklichenden Zielen von 1776 und 1789 bekennen. Politische Theologie und Romantik zählen nicht dazu.“

und das ist nun exquisit witzig: Nachdem man also einmal aufgefahren hat, wie viele Philosophen man kennt, die die Verfasser auch kennen könnten, stellt man als abschließendes Urteil fest: die sind zu elitär. Das ist man selber natürlich nicht, weil man die „Emanzipation der Bürger von ihren Eliten“ wünscht. Gibt es deutschere Ideologie in reinerer Form? Bürger vs. Eliten? und wer zum Kuckuck hat eigentlich behauptet, dass es die Ziele von 1776 und 1789 sind, die verwirklicht werden müssen, um die Emanzipation der Banlieue-BewohnerInnen voranzutreiben? Und warum klingt das, von einigen Dickdenkereinsprengseln abgesehen, so verdammt nach dem, was SZ, FAS und ZEIT auch schreiben? Weil in der Jungle-World, wie in allen anderen bürgerlichen Feuilletons, nämlich nur eins die Feder führt, und zwar die Angst, dass sich eines Tages wirklich etwas bewegen könnte, wenn die Welt das Bewusstsein von dem Traum gewinnt, den sie schon hat (frei nach Marx). Und so lange werden sie weiter dagegen Anschulmeistern, dass die Welt nun gefälligst anfangen sollte von dem zu träumen, wovon man ein Bewusstsein zu haben glaubt.


3 Antworten auf “vom fehlenden Anstand der Aufständigen”


  1. 1 Diodem 27. November 2010 um 22:41 Uhr

    In Frankreich wird Tiqqun allerdings nicht wesentlich anders kritisiert:

    http://tempscritiques.free.fr/spip.php?article213

  2. 2 Administrator 27. November 2010 um 23:04 Uhr

    désolé – aber mein französisch reicht in dem fall nicht hin, um einen adäquaten vergleich anzustellen. allein, die frage bleibt: und wenn schon? ich hab ja nicht behauptet, das feuilleton würde so schreiben weil es deutsch ist, sondern weil es bürgerlich ist. und das soll auch in frankreich vorkommen. aber wie ich schon sagte, ich hab auch nicht genug verstanden, um zu verstehen was du mir vielleicht noch anderes sagen wolltest…

  1. 1 perlen aus dem trog gefischt « wo die neurosen blühen, will ich landschaftsgärtner sein Pingback am 11. Dezember 2010 um 12:55 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.