Archiv für Januar 2011

Freiheit von der Presse.

Berlin ohne Kurier1, das entnahm ich der Plakatwand, das sei wie Mauer ohne Fall.
Und in der Tat, wer mit dem Auswurf bundesdeutscher Druckerpressen vertraut ist, der kann sich diesen Werbespruch zu eigen machen: nur eben nicht als Werbung für eine Zeitung. Denn wenn Klassenfeind und -freund sich derart einig sind, dann sprechen sie vielleicht ja wahre Worte? Zumindest klingts, wenn man es neben Peter Hacks „demokratische Presse“ hält:
„Diebe und Lügner, entnehm ich dem Blättchen, gibt es auch hier noch,
Doch Journalisten nicht. Die denn doch wenigstens nicht.“

als handele es sich um einen objektiven Tatbestand, über den bei Freund und Feind Einigkeit besteht. Die Mauer könnte uns zumindest das wieder vom Halse schaffen. Nun hör´ ich den Liberalen und den Humorlosen (so sie denn in zwei Personen auftreten, und nicht als PC-Möhre sich zum Zeitleser vereinen) schon schreien: „Aber eine kritische Öffentlichkeit, die braucht eine pluralistische Gesellschaft!“ Pustekuchen sag ich, kann ja sein, dass sie die braucht. Aber: es handelt sich dabei um das idealistische „brauchen“. In der monopolkapitalistischen Gesellschaft, deren richtungsloses Identitätsgewese ihr als pluralistisch verklärt, da tät´ sie Not, doch kann es sie nicht geben, wie nur die Gesellschaft sie haben könnte, die ihrer vermutlich entbehren kann. Einfache Übung. Aufklärung ist zahnlos in einer abgeklärten Gesellschaft, deren Form zwischen ihr und der Erkenntnis ihrer selbst steht – grade wer sich kritisch gibt, gerät zum Apologeten.
Kostprobe gefällig? Da findet in einer niedersächsischen Provinzstadt eine Demonstration statt, die sich gegen ein Vorgehen der staatlichen Repressionsorgane wendet, das von vorne bis hinten ein Skandal ist. Und wird, wie zu erwarten, von der Polizei dem entsprechend zusammengelegt. In der Kommentarspalte der lokalen Ableger des Mazagverlages kochen die Emotionen hoch – aber aufschlussreicher noch ist der Kommentar in der „Taz“. Vollständiger lässt sich der politische Gehalt einer Auseinandersetzung nicht eliminieren: Die Proteste werden zum bloßen Reflex auf einen Exzess in der harmonischen Welt der Taz-Autorin erklärt, die sich gleichzeitig an diesem Exzess bloß bestätigen. Wäre die Polizei nicht so brutal, stünde die Linke dumm da, so das Fazit des Subtextes. Was das ganze so vertrackt macht: Gefährlich und gewaltbereit wäre die Linke auch dann noch. Und so kommt´s wie´s kommen musste, insgeheim sind die Linken selbst dann schuld, wenn die Polizei sich verhält wie die Axt im Walde.
Und so bestätigt sich, was von der kritischen Öffentlichkeit eben zu halten ist: kritisch ist, wenn in aller Öffentlichkeit unter verschiedenen Überschriften das Selbe im Gleichen erscheint. Dennoch ist kein Ende der Printpresse zu wünschen: In Blogbeiträge kann meine Lieblingslebensmittelhändlerin keinen Fisch wickeln.

  1. gestanden sei´s – ich kann mich irren. Es mag ein anderes marktschreiendes Tagespresseerzeugnis gewesen sein: Berlin ohne Zeitung, ohne Anzeiger, meinetwegen ohne Hamburger Morgenpost – es tut dem Argument keinen Abbruch und lässt sich online nicht ermitteln. [zurück]

nach dem sarrazinen einfall III.

die Gesellschaft für Konsumforschung hat im Auftrag der Süddeutschen Zeitung Daten erhoben, um zu ermitteln wie er tickt, der Sarrazine, und die SZ hat diese dann zu einem Artikel verarbeitet. Das ist aus zwei Gründen aufschlussreich: Erstens lässt es einen Schluss darauf zu, wer das eigentlich ist, dieser kleine Mann von der Straße, zu dessen Schutzpatron und Paternalisten sich die Journaille und Sarrazin immer so eifrig aufschwingen. Zweitens, weil auch die SZ wieder Einblicke in ihre ideologische Verfasstheit gewährt – aber beginnen wir mit den Eckdaten. Der kleine Mann:
1. Ist ein Mann. Überdurchschnittlich viele Männer haben das Buch gekauft.
2. Ist alt oder jung. Also entweder schon fast in Rente oder gerade am Beginn des Berufslebens – vor 19, sowie zwischen 30 und 50 gibt es kaum Interesse an Deutschlands Abschaffung.
3. Geht gern ins Volkstheater und sieht gern Karbarett (im Fernsehen).
4. Liest viel Zeitung, am liebsten die FAS.
5. Ist finanziell abgesichert.
6. Ist nicht besonders risikofreudig oder aktiv.
Nun, dass muss nicht überraschen, macht aber nochmal klar, wes Geistes (lies: Klasse und Geschlechtes) Kind die Reaktion ist. Fast schon drollig ist hingegen die Datendeutung der SZ. In der Karbarettfreude des Sarrazinen sieht sie nur ein Rätsel oder einen Kalauer – keine Aussage darüber, welches essigsaure nach unten Treten sich hierzulande als „Humor“ geriert. Dass auch die SZ überwiegend positiv beurteilt wird, wird mit Verweis auf die noch bessere Beurteilung der FAS vom Tisch gewischt (ja, man gibt sich sogar als „Linke Nörgler“ – na, das wüssten wir aber). Und schlussendlich: fragt man sich doch ernsthaft, wie diese Leute mit sowenig Risikofreude reich werden konnten und macht damit noch einmal klar, wie sehr man das Ideologem vom heldenhaft-risikofreudigen Unternehmermenschen gefressen hat – als gäbe es in diesem Lande nicht genug Menschen, die den Wohlstand mit der männlich-bürgerlich-weißen Muttermilch aufgesogen haben (genau das ist es doch, was Sarrazin für überlegene Gene hält).
Was als Erkenntnis also übrig bleibt, ist, dass sich mit Statistiken augenscheinlich auch Dinge herausfinden lassen, auf die man mit ein wenig Hirnschmalz auch so gekommen wäre – nämlich welche Ärsche ihre Abdrücke in Feuilletonsesseln und Karbarettlogen hinterlassen. Und das Bildung, Einbildung und Ausbildung sich analytisch einfacher trennen lassen als anhand von erhobenen Daten.