Archiv für April 2011

Schweinereien

vögeln swV. vulg‚begatten‘ ( 15. Jh.). Fnhd. vog(e)len. Vermutlich zu der gleichen Grundlage wie ficken (aus g.*fug-, fukk), also `stoßen‘ (iterativ), doch ist das Wort schon sehr früh auf Vogel bezogen worden, so daß es in früher Zeit nur in bezug auf Vögel belegt ist. Vgl. im Limburgischen vogelen, fokkelen für das Begatten von Hühnern. Die Einzelheiten sind klärungsbedürftig.

So schreibt mein Etymologisches Wörterbuch und hat mir damit stille Freude in mein Familienfeierexil im tiefen Schwaben getragen, die ich einfach teilen muss.
Auf Wiktionary finden sich auch Deklinationstabellen und andere Feinheiten zu dieser schönsten aller Bezeichnungen, die „salopp“ für „den Geschlechtsakt vollziehen“ herhalten müssen:

[2] stark veraltet beziehungsweise untergegangen: Vögel fangen
[3] stark veraltet beziehungsweise untergegangen: aus dem Vogelflug weissagen
[4] stark veraltet beziehungsweise untergegangen; in Bezug auf Menschen: hin- und herschweifen, ein unstetes Leben führen

Oberbegriffe:
[1] koitieren
Unterbegriffe:
[1] durchvögeln

Nun, wie sich Begriff, Oberbegriff und Unterbegriff zueinander verhalten, das zu Begreifen wollen wir den Experten überlassen. Zumindest hat das Wort durch seine Genesis in meinen Augen nicht verloren: die wunderschön flattrig-flügelige Assoziation bleibt erhalten, aber das Wissen, dass es einmal „Vögel fangen“, „aus dem Vogelflug weissagen“ und „ein unstetes Leben führen“ geheißen haben mag, das verleiht mit schelmischem Zwinkern, mythisch-romantischer Aufladung und der Freude an dem Ausbruch dem Wort das Spiel, das Sprache funkeln lässt.
Ein Wermuthstropfen bleibt aber:

„Und hinten drein komm ich bey Nacht und vögle sie daß alles kracht“

Soll Goethe getoilettenwandreimt haben – so hat dann ausgerechnet er wieder einmal bewiesen, dass ein schönes Wort gegen einen langweiligen Kalauer nicht ankommt.

Wir lesen – Unendlicher Spaß

unter dieser Überschrift eröffnet der geschätzte Torpedokäfer den gemeinsam ausgeheckten Plan, den ich der geneigten Leserschaft am liebsten mit den Worten des Käfers unterbreiten möchte:

Wir machen ein Experiment. Wir, das sind der Weltgeist und ich. Unabhängig voneinander haben wir in den vergangenen Wochen David Forster Wallace großen Roman „Unendlicher Spaß“ gelesen.
Der Verfasser hatte dabei eine lang nicht erlebte Lektürefreude; leider keine unendliche. In den kommenden Wochen wollen wir daher dem geneigten Publikum einige der schönsten Schmankerl dieses im besten Sinne wahnsinnigen Textes präsentieren. Es wird von Tennis und Terrorismus, Müllproblemen und Experialismus, bekannten und weniger bekannten Drogen sowie allem möglichen anderen die Rede sein. Und es wird die große Frage aufgeworfen werden, wie man die ganze USA als Sinnbild des Status quo der spätimperialistischen Welt aus der Perspektive einer provinziellen Tennisakademie darstellen kann.

Der Roman „Unendlicher Spaß“ erschien im Jahr 2009 in kongenialer Übersetzung Ulrich Blumenbachs auf dem deutschen Buchmarkt. Der Autor David Forster Wallace war da schon Tod. Er erhängte sich mit 46 Jahren in seinem Haus, nachdem er Jahre lang an Depressionen gelitten hatte. Will man in der Sprache des 1545-Seiten-Wälzers bleiben, muss man sagen: er hat sich Karte umdekoriert.

Seien Sie, verehrte Leserin und verehrter Leser, also gespannt. Und bleiben Sie uns gewogen.

Dem ist nichts hinzuzufügen.