Karneval der Strukturen

in der spätimperialistischen Welt wird viel gewurschtelt. Das liegt in der Natur der Sache einer Gesellschaftsordnung, die einerseits ständig und überall aus dem Leim geht, aber andererseits immernoch Dynamiken entfesselt, die alle Nähte zu sprengen drohen. David Foster Wallace hat dafür in seinem Roman das schöne Zerrbild des „Experialismus“ erfunden – ein Imperialismus, der sich derart aggressiv nach innen und außen wendet, dass er beginnt, die eigene Peripherie mittels Zwangsevakuierung zu dekultivieren und nach völliger Unbrauchbarmachung anderen auf´s Auge zu drücken. In einem Unternehmen hieße das Outsourcing, im Falle eines Staates tituliert der Roman es als politische Agenda des ONANismus. Und wie im Großen schon keiner mehr durchblickt, so verheddert sich auch das Kleine – zum Beispiel die Frage nach dem Drogenkonsum und seiner Verfolgung in einer kleinen, provinziellen Tennisakademie.
Und so wird in dieser Tennisakademie gekifft, gekokst und nachgeworfen, dass dem Leser der Oberkörper juckt und das so schmerzhaft offensichtlich, dass man sich fragt, ob das erlaubt ist? Ist es natürlich nicht. Es ist sogar strengstens untersagt – allein, so lange bei den Kids die Leistung stimmt und sie immerwieder brav in ein Becherchen pinkeln, belässt man es eben auch dabei.
Und so sind in der kleinen Tennisakademie zwei Strukturen damit bedacht, sich gegenseitig nicht zu sehr auf die Pelle zu rücken: Auf der einen Seite ein Drogenkontrollapparat, der über ein Netz von Institutionen, Regeln und Terminen zuverlässig nur diejenigen einsammelt, die wirklich zu blöd, unerfahren und unangepasst sind, und auf der anderen Seite das Netz der Drogenverteilung selbst, in dem schon fast dieselben Gewinne mit dem verticken von sauberem teenager-Urin erzielt werden, wie mit dem Verkauf der Drogen selbst und in dem jede Droge akkurat auf Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und Nachweisbarkeit überprüft wird.
Damit ist ja, wenn auch völlig unvernünftig, alles geregelt, könnte man meinen. Die einen kümmern sich um das Wohlbefinden derer, die es sich leisten können, die anderen um die Entsorgung derer, die das nicht mehr können (am Fuße der Tennisakademie befindet sich eine Entzugsanstalt). Aber wie alles, was die unsichtbare Hand regelt, krankt das Ganze an zwei Seiten. Erstens wischt die unsichtbare Hand ersteinmal einen guten Teil der Beteiligten vom Tisch, vor allem aber ist es eben kein gemeinsam bewusst hergestellter Zustand in dem es sich Leben ließe, sondern ein gegeneinander vorangetriebenes Kampfgleichgewicht, das nur hält, weil es seine Teilnehmer zu zerbrechen droht.
So werden die Drogen zur Voraussetzung den unmenschlichen Leistungsdruck der Akademie überhaupt auszuhalten, deren asketisches Ideal und Trainingspensum die Leute schneller verschleißt als Drogenparties, während die Allgegenwart des Drogenkonsums zu einer unermesslichen Machtressource in den Händen der Schulleitung wird: Die außerplanmäßige Drogenkontrolle wird schlicht zur gezielt eingesetzten Waffe zur Entledigung unliebsamer Zeitgenossen. Ungestraft die Drogen nehmen zu dürfen, in die man getrieben wird, wird so zur stillschweigend verliehenen Gnade. Der Entzug dieser Gnade stößt die Betroffenen übrigens aus der Leistungswelt des gehobenen Mittelstandes ganz schnell dahin, wo ihre proletarischen Kiffgenossen schon viel früher landen – ins gesellschaftliche Off.
Man kann das alles überspitzt finden, allerdings sehen US-amerikanische Universitäten gerade zu Prüfungszeiten wirklich garnicht so anders aus – und ein Blick auf die Statistiken des Landes, in dem David Foster Wallace sich die Karte umdekorierte, bestätigt diese Sicht: mittlerweile haben das Außenministerium, die CIA das FBI, die Marine, das Heer, die Luftwaffe, fast jede örtliche Stelle der Polizei, die Einwanderungsbehörde, die Homelandsecurity und der Zoll allesamt ihre Drogenbekämpfungseinheiten – obwohl es die ja als Drug Enforcement Agency auch nochmal gibt, und zwar in groß. Diese Politik stopft die Gefängnisse voll (in NY werden jährlich um die 30.000 Menschen wegen des Besitzes kleiner Mengen Marihuana verhaftet, und nicht nur in Kalifornien landet man beim dritten Anlauf deswegen lebenslänglich im Knast), während unter anderem an den Unis gekifft, gekoks und nachgeworfen wird, dass einem der Oberkörper juckt.
Aber bis die Falle zuschnappt bleibt das alles ein: unendlicher Spaß.