Archiv für Dezember 2013

Das Sturmgeschwätz der Demokratie

Wenn die Führungsriege des westeuropäischen und nordamerikanischen Imperialismus ihre legitimen Interessen in der Ukraine anmeldet, die schmählich dadurch verletzt wurden, dass sich Janukowitschs Regierung nicht an sie heranasoziierte, wie sie das gern gesehen hätte, dann kracht es: rhetorisch, diplomatisch und ganz allgemein im Gebälk, das zum Beispiel Guido Westerwelle in seinem Auge hat.
Da stapft er die Reihen der nationalistischen Gefolgsleute einer wegen Korruption inhaftierten Oligarchin ab, die das Regierungsviertel mit Barrikaden abgeriegelt haben und gerade in einer weiteren demokratischen Abstimmung unterlegen sind, was vom russischen Außenminister als etwas bezeichnet wird, das, nun ja, schwer von der Hand zu weisen ist: Nämlich als Einmischung in die innere Angelegenheiten der Ukraine. Nun, Westerwelle weist das brüskiert zurück, wie der Spiegel weiß: „Wir Europäer lassen uns von niemandem vorschreiben, wie wir zueinanderfinden und ob wir zueinanderfinden“ hossa. Dass da die Russen nicht selbst drauf gekommen sind! Es ist eben eigentlich eine unzulässige Einmischung in die inneren Angelegenheiten Europas, dass Russland auf der nationalen Souveränität der europäischen Ostgebiete beharrt!
Was in der Ukraine nämlich auf dem Spiel steht, ist weit mehr als die Frage von Demokratie und pipapo, für die sich ja auch sonst keiner interessiert. Und so demonstriert der schwedische Außenminister nicht nur hohe Kompetenz in Sachen neue Medien, sonder vor allem aktive Beherrschung des machtbesoffenen Carl-Schmittschen geopolitischen Großraumgequatsches, wenn er als Reaktion auf eine Polizeiaktion bei der Barrikaden abgeräumt werden, folgendes „tweetet“: „Eurasien gegen Europa heute auf den Straßen von Kiew. Staatsmacht gegen das Volk, Repression statt Reformen“. Die Fronten sind klar: Zivilisation gegen Barbarei, ein Boxer gegen Lenin, Westen gegen Russland kurz: eben Europa gegen die slawischen Horden, aka: Eurasien.
Man kann, ja sollte, das eklig finden. Aber das politische Personal, das sich hier echauffiert, hat nun mal einen Job zu machen, und zwar für das heimische Kapital. Und da fragt man sich nur, ob das nicht zumindest wortkarger, weniger die Auffassungsgabe des Publikums vermüllender, geht. Schlimmer als das ist allerdings: die Presse. Der Spiegel z.B. tut, wozu sein Name ihn verflucht, nämlich den grenzdebilen Blödsinn der in ihn hineingrient, völlig unbearbeitet: zu reflektieren. Und so bleibt bei ihm vom schlecht verhangenen machtpolitischen Interesse nur ein, nicht einmal verzerrtes, Bild des Drapierten: Alle oben angegebenen Informationen wurden im Spiegel nicht nur zustimmend, sondern geradezu euphorisch rezitiert. Auch wenn unsere Offensive im Osten „ins Stocken“ geraten ist, (auch weil sie, so weiß der Spiegel, nicht so „generalstabsmäßig“ vorbereitet worden sei wie die letzte, also die vor zehn Jahren) so donnert das Sturmgeschwätz der Demokratie doch ungerührt weiter. In seiner Unverschämtheit habe der Staatschef der Ukraine sogar dem Vize Staatschef der USA „in Putin Manier Kontra gegeben“: „Wie denn Washington wohl reagieren würde, „wenn das Weiße Haus mit Barrikaden blockiert ist“, wollte der Ukrainer wissen“ – so der Spiegel. Ach, dieser Ukrainer. Versteht nicht den Unterschied zwischen einer prowestlichen innereuropäischen Verständigungsblockade, und, sagen wir, einer garnicht wirklich stattfinden symbolischen Blockade, wie sie in den USA und Westeuropa jährlich dutzendfach polizeilich auseinandergejagt oder eingesammelt werden.
Nur wenig zuvor hatte er im Ton derer, die es ganz besonders genau wissen, ausgeplaudert, worum es in der Ukraine wirklich gehe: um Geld nämlich. Das Bild vom Ringen zwischen Klitschko und Janukowitsch sei schon deshalb falsch, weil es nicht berücksichtige, dass da garnicht gerungen werde. Vielmehr seien die Regeln der politischen Auseinandersetzung schmutzig, unsportlich, ja: interessengeleitet. Und die Oligarchen, die von Janukowitsch fast wie von Putin an die Kandarre genommen worden seien, die stünden nach wie vor auf der Seite, naja, nicht von uns. Jetzt muss ich zugeben, dass ich die Oligarchen nicht so recht verstehe, die, wenn es doch nur ums Geld geht, nicht auf der Seite derer stehen, die ihnen scheinbar ganz zivilgesellschaftlich die Wirtschaftsabkommen nur so hinterherwerfen wollen, statt sie, wie Putin laut Spiegel, zu entmachten. Aber dazu bräuchte ich vielleicht auch Informationen. So ein-zwei zumindest. Aber stattdessen bekomme ich das nächste Phrasenungeheuer vor den Latz geknallt:

Der Zorn der Ukrainer richtet sich auch gegen das Geflecht von Politik und Oligarchen. Sie wollen die Macht der Strippenzieher brechen. Vitali Klitschko ist das Beste, was der Ukraine in dieser Lage passieren konnte: Ein nationales Idol, das fernab des ukrainischen Sumpfs sein Geld im Ausland selbst verdient hat. Ein Mann, der auch wohlhabend genug erscheint, um sich Ehrlichkeit leisten zu können.

Ist das nicht der Traum eines jeden von uns: „Ein Mann, der auch wohlhabend genug erscheint, um sich Ehrlichkeit leisten zu können.“ „Fernab des ukrainischen Sumpfs“.

Man wünscht sich, dass der Korrespondent, der dies zusammengeschustert, wie auch der Redakteur, der es abgenickt hat, bei ihrer eigenen kleinen Operation Blablarossa in diesem Sumpf steckenbleiben, festfrieren, und als Mahnmal für künftige Generationen dort stehen bleiben.