the return of the rotstift: eine schmähkritik

Erinnert sich eigentlich noch jemand an den kommenden Aufstand? Das war dieses Büchlein, das vor einem Jahr auf einmal alle lasen und über das es sich in Kneipen so schlecht diskutieren ließ, weil zwar alle irgendwie „geflasht“ von so viel Revolutionpathos waren, aber doch irgendwie wussten, dass jeder mit ein bisschen Ahnung das Ganze sofort als Oberprimanerlyrik ohne jeden revolutionären Gehalt denunzieren könnte. Weil letztes aber so offensichtlich war, fühlten sich all diejenigen, die von Beruf besser wissen als lesen, genötigt, etwas tiefer in die Kiste der möglichen desavouierenden Sachverhalte zu greifen. Und so überboten sich Reaktionäre, Sozialdemokraten und Deutschlehrer darin, sich an der Kritik des Textes geifernd selber bloßzulegen. Ähnliches vollbringt Franz Schandl in den „Streifzügen“ nun auch anhand der neuen Veröffentlichung des Herrn Zizek. Sein Eindruck vom Herrn Zizek mag ja ein ganz berechtigter sein, zum Ausdruck bringt er allerdings nur zweierlei:

1. Den unbedingten Willen Zizeks schwurbelige Kalauerei noch zu überbieten.
2. Eine politische Kritik, wie sie nur in dieser eigentümlichen Schnittmenge von Bundeszentrale für politische Bildung und der Jungle World gedeihen kann.

Eindruck gefällig?

„Es gibt keinen Intellektuellen, der nicht blufft und blendet, zweifellos. Werden diese Prädikate aber substantivistisch aufgeladen, das Treibmittel zur Methode verdichtet, zerstören sie die Substanz des Denkens. Rausch, Droge, Placebo. Alles in Ordnung. Wie soll das Versetzen von Wirklichkeit in Wahrheit auch sonst gelingen? Durch eine Statistik? Eine Kurve? Gar ein Diagramm? Es gibt keine Reflexion ohne Rausch, aber ein Rausch ist noch keine Reflexion. Die Dosis, mit der Žižek operiert, ist jedoch eine Überdosis. Was Theorie betrifft, ist Žižek kein Trinker, sondern ein Säufer.

Da begegnen uns etwa Passagen, die zwar in ihrer Konstruktion nicht kompliziert erscheinen, letztlich aber in ihrer Dekonstruktion Leere hinterlassen. Beispiel: „Das Reale ist gleichzeitig generativ und destruktiv: destruktiv, wenn es freie Hand bekommt, aber auch wenn es verneint wird, da seine Verneinung eine Wut freisetzt, welche es imitiert – ein Zusammenfall der Gegensätze.“ (S. 19) Was mag das wohl heißen? Oder sollte man gar nicht wagen, solche Fragen zu stellen, weil sie nur die eigene Unkenntnis bloßlegen? Oder werden wir vom Theoretiker bloß gelegt?“

Nun, was wollte uns der Autor damit sagen? Ich vermute mal, dass Zizek zusammenhangloses Zeug quatscht, und zwar pathologisch. Nur hat man nach der Lektüre allein dieser Absätze schon den Eindruck, von Amy Winehouse in die Reha geschickt zu werden um mal in der etwas eigentümlichen Suchtmetaphorik zu bleiben. Vor allem die Enden seiner Satzgemetzel sind grausam. Kein Absatz endet ohne Kalauer.

Nun wird der Autor nicht müde zu betonen, wie sympathisch im Zizeks Vorhaben eigentlich sei. Mehr noch: er teile „sowohl die Motivation als auch die Intention“! Wenn er nun aber Motivation, Intention und Klarheit in der Sprache schon teilt, was teilt er dann eigentlich nicht? Nun, zum einen den Publikumserfolg. Zum anderen aber sein Bekenntnis zur revolutionären Gewalt:

„Abseits aller Bekenntnisse zum Gewaltmonopol des Staates einerseits als auch zur revolutionären Gewalt andererseits ist die Gewalt als gesellschaftliche Drohung und Notwendigkeit zu realisieren, aber stets in der Perspektive ihrer Abschaffung zu debattieren. Ein Kern der Herrschaft liegt ja nach wie vor in der Gewalt, so domestiziert sie in den Rechtsstaaten auch daherkommt. Gesellschaftliche Transformation ist ohne Bruch des Gewaltmonopols nicht zu haben. Das muss man sich nicht unbedingt gewalttätig vorstellen, es kann aber auch durchaus gewalttätig vor sich gehen. Das Problem ist nicht, dass Žižek die Gewaltfrage aufmacht, das Problem ist, dass er sie gleich wieder zumacht.“

Kurz, der Revolutionär hat seinen Gegnern ein entschlossenes „Ja, vielleicht aber auch nicht“ entgegenzurufen. Die Gewalt, von jenen ganz praktisch realisiert (Jungle World), soll von ihm erst einmal anerkannt (Bundeszentrale für politische Bildung, wenn ich das „realisiert“ hier richtig verstanden habe) und dann „in der Perspektive ihrer Abschaffung“ debattiert werden (Jungle World). Der Unterschied zur Vorlage scheint hier nur das größere Rumgeeier der Kritik zu sein, die sich geistreich gibt, in dem sie sich in einen weiteren Kalauer wickelt.
Ähnlich wird Zizeks Umgang mit der Geschichte der kommunistischen Bewegung abgefertigt. Einerseits ist es ein Unding, sich positiv auf den Stalinismus zu beziehen (Bundeszentrale für politische Bildung),

„dass Stalin und Mao nicht eingemeindet werden in die leidvolle Geschichte der kapitalistischen Modernisierung“

(Jungle World). Andererseits möchten wir uns da aber auch nicht festlegen, da der Stalinismus ja auch eine Tragödie war:

„Ob des Kommunismus oder für den Kommunismus oder beides, das alles wären spannende Fragen“

(Bundeszentrale für politische Bildung) – Ja wie denn nun!

In jedem Fall scheint Zizek den Autor nicht loszulassen:

„Es ist wahrlich der Ballast von gestern, der via Žižek eine geradezu penetrierende Energie entwickelt hat.“

– Kein Wunder, verteilt er doch „revolutionäre Potenzpillen“ an das „hungernde Publikum“ die keine Wärme haben, die hält. Anders als jene Mischung aus Kalenderblattweisheit und Evidenzbombe, mit denen der Autor sich aufheizt:

„Ein lebendiger Kommunismus sollte weniger seine Leichen schminken, als seine Toten begraben, auch wenn man deren Leistungen durchaus hoch einschätzen möchte. Sie mögen etwas vorgelegt haben, aber sie sind dezidiert keine Vorlage.“

Wenn es aber stimmt, dass heute nichts wichtiger ist, „als offen und offensiv über den Kommunismus nachzudenken“ – dann sollten wir das unter keinen Umständen solchen Dummschwätzern überlassen.


1 Antwort auf “the return of the rotstift: eine schmähkritik”


  1. 1 Dimitri 20. Dezember 2011 um 11:23 Uhr

    Auch wenns nicht unbedingt zum eigentlichen Inhalt des Textes passt:

    Wer von Mao als „Geschichte der kapitalistischen Modernisierung“ schreibt, scheint von Mao nicht besonders viel verstanden zu haben. Oder aber, er hat sich einfach gar nie mit der Geschichte Chinas befasst und benützt solche Abqualifizierungen („bloss eine weitere staatskapitalistische Modernisierung“) als Legitimation dazu, das auch weiterhin nicht tun zu müssen.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.