wo die neurosen blühen, will ich landschaftsgärtner sein http://weltgeist.blogsport.de Wed, 11 Dec 2013 20:41:18 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Das Sturmgeschwätz der Demokratie http://weltgeist.blogsport.de/2013/12/11/das-sturmgeschwaetz-der-demokratie/ http://weltgeist.blogsport.de/2013/12/11/das-sturmgeschwaetz-der-demokratie/#comments Wed, 11 Dec 2013 20:08:14 +0000 Administrator Allgemein http://weltgeist.blogsport.de/2013/12/11/das-sturmgeschwaetz-der-demokratie/ Wenn die Führungsriege des westeuropäischen und nordamerikanischen Imperialismus ihre legitimen Interessen in der Ukraine anmeldet, die schmählich dadurch verletzt wurden, dass sich Janukowitschs Regierung nicht an sie heranasoziierte, wie sie das gern gesehen hätte, dann kracht es: rhetorisch, diplomatisch und ganz allgemein im Gebälk, das zum Beispiel Guido Westerwelle in seinem Auge hat.
Da stapft er die Reihen der nationalistischen Gefolgsleute einer wegen Korruption inhaftierten Oligarchin ab, die das Regierungsviertel mit Barrikaden abgeriegelt haben und gerade in einer weiteren demokratischen Abstimmung unterlegen sind, was vom russischen Außenminister als etwas bezeichnet wird, das, nun ja, schwer von der Hand zu weisen ist: Nämlich als Einmischung in die innere Angelegenheiten der Ukraine. Nun, Westerwelle weist das brüskiert zurück, wie der Spiegel weiß: „Wir Europäer lassen uns von niemandem vorschreiben, wie wir zueinanderfinden und ob wir zueinanderfinden“ hossa. Dass da die Russen nicht selbst drauf gekommen sind! Es ist eben eigentlich eine unzulässige Einmischung in die inneren Angelegenheiten Europas, dass Russland auf der nationalen Souveränität der europäischen Ostgebiete beharrt!
Was in der Ukraine nämlich auf dem Spiel steht, ist weit mehr als die Frage von Demokratie und pipapo, für die sich ja auch sonst keiner interessiert. Und so demonstriert der schwedische Außenminister nicht nur hohe Kompetenz in Sachen neue Medien, sonder vor allem aktive Beherrschung des machtbesoffenen Carl-Schmittschen geopolitischen Großraumgequatsches, wenn er als Reaktion auf eine Polizeiaktion bei der Barrikaden abgeräumt werden, folgendes „tweetet“: „Eurasien gegen Europa heute auf den Straßen von Kiew. Staatsmacht gegen das Volk, Repression statt Reformen“. Die Fronten sind klar: Zivilisation gegen Barbarei, ein Boxer gegen Lenin, Westen gegen Russland kurz: eben Europa gegen die slawischen Horden, aka: Eurasien.
Man kann, ja sollte, das eklig finden. Aber das politische Personal, das sich hier echauffiert, hat nun mal einen Job zu machen, und zwar für das heimische Kapital. Und da fragt man sich nur, ob das nicht zumindest wortkarger, weniger die Auffassungsgabe des Publikums vermüllender, geht. Schlimmer als das ist allerdings: die Presse. Der Spiegel z.B. tut, wozu sein Name ihn verflucht, nämlich den grenzdebilen Blödsinn der in ihn hineingrient, völlig unbearbeitet: zu reflektieren. Und so bleibt bei ihm vom schlecht verhangenen machtpolitischen Interesse nur ein, nicht einmal verzerrtes, Bild des Drapierten: Alle oben angegebenen Informationen wurden im Spiegel nicht nur zustimmend, sondern geradezu euphorisch rezitiert. Auch wenn unsere Offensive im Osten „ins Stocken“ geraten ist, (auch weil sie, so weiß der Spiegel, nicht so „generalstabsmäßig“ vorbereitet worden sei wie die letzte, also die vor zehn Jahren) so donnert das Sturmgeschwätz der Demokratie doch ungerührt weiter. In seiner Unverschämtheit habe der Staatschef der Ukraine sogar dem Vize Staatschef der USA „in Putin Manier Kontra gegeben“: „Wie denn Washington wohl reagieren würde, „wenn das Weiße Haus mit Barrikaden blockiert ist“, wollte der Ukrainer wissen“ – so der Spiegel. Ach, dieser Ukrainer. Versteht nicht den Unterschied zwischen einer prowestlichen innereuropäischen Verständigungsblockade, und, sagen wir, einer garnicht wirklich stattfinden symbolischen Blockade, wie sie in den USA und Westeuropa jährlich dutzendfach polizeilich auseinandergejagt oder eingesammelt werden.
Nur wenig zuvor hatte er im Ton derer, die es ganz besonders genau wissen, ausgeplaudert, worum es in der Ukraine wirklich gehe: um Geld nämlich. Das Bild vom Ringen zwischen Klitschko und Janukowitsch sei schon deshalb falsch, weil es nicht berücksichtige, dass da garnicht gerungen werde. Vielmehr seien die Regeln der politischen Auseinandersetzung schmutzig, unsportlich, ja: interessengeleitet. Und die Oligarchen, die von Janukowitsch fast wie von Putin an die Kandarre genommen worden seien, die stünden nach wie vor auf der Seite, naja, nicht von uns. Jetzt muss ich zugeben, dass ich die Oligarchen nicht so recht verstehe, die, wenn es doch nur ums Geld geht, nicht auf der Seite derer stehen, die ihnen scheinbar ganz zivilgesellschaftlich die Wirtschaftsabkommen nur so hinterherwerfen wollen, statt sie, wie Putin laut Spiegel, zu entmachten. Aber dazu bräuchte ich vielleicht auch Informationen. So ein-zwei zumindest. Aber stattdessen bekomme ich das nächste Phrasenungeheuer vor den Latz geknallt:

Der Zorn der Ukrainer richtet sich auch gegen das Geflecht von Politik und Oligarchen. Sie wollen die Macht der Strippenzieher brechen. Vitali Klitschko ist das Beste, was der Ukraine in dieser Lage passieren konnte: Ein nationales Idol, das fernab des ukrainischen Sumpfs sein Geld im Ausland selbst verdient hat. Ein Mann, der auch wohlhabend genug erscheint, um sich Ehrlichkeit leisten zu können.

Ist das nicht der Traum eines jeden von uns: „Ein Mann, der auch wohlhabend genug erscheint, um sich Ehrlichkeit leisten zu können.“ „Fernab des ukrainischen Sumpfs“.

Man wünscht sich, dass der Korrespondent, der dies zusammengeschustert, wie auch der Redakteur, der es abgenickt hat, bei ihrer eigenen kleinen Operation Blablarossa in diesem Sumpf steckenbleiben, festfrieren, und als Mahnmal für künftige Generationen dort stehen bleiben.

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Gewaltiger Unfug http://weltgeist.blogsport.de/2012/04/17/frankfurt-tanzt-den-apocalypso/ http://weltgeist.blogsport.de/2012/04/17/frankfurt-tanzt-den-apocalypso/#comments Tue, 17 Apr 2012 15:41:20 +0000 Administrator Allgemein http://weltgeist.blogsport.de/2012/04/17/frankfurt-tanzt-den-apocalypso/ und wieder eine Perle aus dem Schweinetrog der Öffentlich-Rechtlichen. 3:25 Minuten geballte Unfähigkeit das eigene, notdürftig als Bericht getarnte Ressentimentsgewurschtel in Sätze zu kleiden, die nicht permanent das Gegenteil von dem sagen, was sie sagen wollen.

Der Spaß beginnt schon mit dem Untertitel des Videobeitrages:

Manöverziel heute: mit gewaltigem Unfug den Ungehorsam gewalttätig erscheinen lassen. Gleich zu Beginn kommen große Wörter: von „Krawallmachern“ ist die Rede, eine „Demo der Kapitalismusgegner“ wolle „Frankfurt heimsuchen“, der „Einzelhandel sei alarmiert“. Aber das ist nur der Teaser. Richtig schön wird es erst, wenn endlich wieder die Gewaltfrage herangezogen werden kann: und zwar an den Haaren. Da hat man nämlich auf der offiziellen Seite des „Blockupy“-Bündnisses eine Stelle gefunden, an der es heißt, man nehme sich das Recht, körperschützende Materialien bei sich zu führen. Und das nennen die passiv! Ereifert sich die Journalistin. Dabei ficht sie nicht, dass genau das der Name ist, den auch die Gesetzgeber dem Kinde geben: passive Bewaffnung. Bon, aber man empört sich ja grade so schön.
Da kann der Sprecher der GdP auch nicht mehr an sich halten und poltert heraus:


Wenn man aufruft, dass man Schutzausrüstung mitbringt, führt man im Zweifelsfall im Schilde auch dass man gewaltbereit ist, dass man sich mit Gewalt auseinandersetzen will und das lehnen wir deutlich ab und insofern haben wir hier in der Tat auch die ersten Anzeichen dafür, dass es wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen könnte.

Was der Herr sagen will, ist dummes Zeug, nämlich, dass wer sich nicht schutzlos in den Knüppelkorridor seiner Kollegen stellen will, ein potentieller Gewalttäter sei. Wenn Schutzkleidung ein Indikator für Gewaltbereitschaft ist, dann muss man sich über die Prügelorgien seiner quasi in Ritterrüstung auftretenden Klonkriegerkameraden nicht wundern. Was er aber sagt, das ist schlauer als die Polizei erlaubt: Weil man sich seitens der Polizei weigert, sich mit Gewalt auseinanderzusetzen, wird es vermutlich wieder zu welcher kommen.

Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken. (Karl Kraus)

Ähnlich unsympathisch aber etwas eloquenter und vor allem deutlicher äußert sich der Ordnungsdezernent der Stadt: da ist von Gewalt, die ja immerhin die Hauptempörungsressource der Journallie auch in diesem Beitrag war, schon garnicht mehr die Rede:

Frankfurt wird nicht lahmgelegt, da sind wir ja auch im engen Schulterschluss mit dem Polizeipräsidium, Frankfurt am Main ist eine Stadt, die sehr froh ist, dass sie wirtschaftlich stark ist und das werden wir auch weiterhin schützen, das ist garkeine Frage.

Noch Fragen?

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Weggetreten! http://weltgeist.blogsport.de/2012/04/15/126/ http://weltgeist.blogsport.de/2012/04/15/126/#comments Sun, 15 Apr 2012 17:56:06 +0000 Administrator Allgemein http://weltgeist.blogsport.de/2012/04/15/126/ Um wen es heute geht? Naja, vielleicht zunächst ein paar Tipps: In der Bundesrepublik gibt es eine Reihe von Kräften, die ein schwieriges, ein unklares, ja vielleicht sogar ein positives Verhältnis zur Gewalt haben. Die das Gewaltmonopol des Staates wenn nicht offen in Frage stellen, so doch mit einem Augenzwinkern meinen ignorieren zu können. Und eine davon ist im Begriff, ihre heilige Schrift in jeden deutschen Haushalt zu liefern. Richtig, ich spreche von der Springer-Presse. 1

Beim Stöbern durch die Weiten des Internets stolperte ich heute unversehens über eine Bild-Fotostrecke zur M31-Demo.2 Neben allerlei die zarte Seele Verstörendem („Schlagstöcke raus! Mit vollem Körpereinsatz musste die Polizei gegen Chaoten vorgehen“) oder Lustigem („völlig irre? Ein Vermummter schleudert einen Klappstuhl gegen den Eingang des Römer“) war es vor allem ein Bild, dass es mir angetan hatte:

Nach kurzem Staunen darüber, dass die Bild die bisher einzige mir bekannte Zeitung3 ist, die sowas im Zusammenhang mit Frankfurt veröffentlicht, wird einem der echte Knaller erst beim zweiten Hinsehen klar. In der ganzen Fotoserie ist nur ein Gesicht, und zwar dasjenige eben dieses Mannes, der einen Demonstranten tritt, unkenntlich gemacht. Und egal, wie viele mögliche Gründe man für eine solche Maßnahme in Erwägung zieht, eigentlich bietet sich nur eine Erklärung an: Gewalt gegen sogenannte „Chaoten“ durch Nichtpolizisten ist in den Augen der Bild eine besonders schützenswerte Tätigkeit.

Eigentlich nichts außergewöhnlich, sondern eher etwas exemplarisch-ekliges.

  1. http://www.tagesspiegel.de/meinung/grosse-werbeaktion-ich-will-die-bild-nicht-in-meinem-briefkasten/6106382.html [zurück]
  2. http://www.bild.de/regional/frankfurt/demonstrationen/frankfurt-wurde-zum-schlachtfeld-23445382.bild.html [zurück]
  3. Hier sei ein kurzer Kommentar gestattet. Die Presse ist zum Kotzen. Ich fordere die allgemeine Freiheit von der Presse nicht erst seit gestern. Die Bild ist auch diesesmal mitnichten die einzige Zeitung, die sich danebenbenommen hat. Eigentlich war sie noch nichteinmal die schlimmste. Aber auf so augenöffnende Weise dämlich zu sein, das hat in meinen Augen nur die Bild hinbekommen. [zurück]
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Lesetip http://weltgeist.blogsport.de/2012/03/26/lesen-2/ http://weltgeist.blogsport.de/2012/03/26/lesen-2/#comments Mon, 26 Mar 2012 12:15:16 +0000 Administrator Allgemein http://weltgeist.blogsport.de/2012/03/26/lesen-2/ Die Eliminierung von Klasse in der Dialektik der Aufklärung

in den nächsten Tagen reiße ich mich auch mal zusammen und schreibe was zu den unsäglichen Debatten, in denen kritische, allzukritische Kritiker wie „Emanzipation oder Barbarei“ das Erbe dieses Verrates verjubeln und vermehren (das Rätsel, warum sich aus dem Verrat ein Kapital schlagen lässt, das sich im Durchbringen mehrt, kann in diesem Zuge vielleicht auch ein kleines Stück weiter gelüftet werden).

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the return of the rotstift: eine schmähkritik http://weltgeist.blogsport.de/2011/12/19/124/ http://weltgeist.blogsport.de/2011/12/19/124/#comments Mon, 19 Dec 2011 19:46:02 +0000 Administrator Allgemein http://weltgeist.blogsport.de/2011/12/19/124/ Erinnert sich eigentlich noch jemand an den kommenden Aufstand? Das war dieses Büchlein, das vor einem Jahr auf einmal alle lasen und über das es sich in Kneipen so schlecht diskutieren ließ, weil zwar alle irgendwie „geflasht“ von so viel Revolutionpathos waren, aber doch irgendwie wussten, dass jeder mit ein bisschen Ahnung das Ganze sofort als Oberprimanerlyrik ohne jeden revolutionären Gehalt denunzieren könnte. Weil letztes aber so offensichtlich war, fühlten sich all diejenigen, die von Beruf besser wissen als lesen, genötigt, etwas tiefer in die Kiste der möglichen desavouierenden Sachverhalte zu greifen. Und so überboten sich Reaktionäre, Sozialdemokraten und Deutschlehrer darin, sich an der Kritik des Textes geifernd selber bloßzulegen. Ähnliches vollbringt Franz Schandl in den „Streifzügen“ nun auch anhand der neuen Veröffentlichung des Herrn Zizek. Sein Eindruck vom Herrn Zizek mag ja ein ganz berechtigter sein, zum Ausdruck bringt er allerdings nur zweierlei:

1. Den unbedingten Willen Zizeks schwurbelige Kalauerei noch zu überbieten.
2. Eine politische Kritik, wie sie nur in dieser eigentümlichen Schnittmenge von Bundeszentrale für politische Bildung und der Jungle World gedeihen kann.

Eindruck gefällig?

„Es gibt keinen Intellektuellen, der nicht blufft und blendet, zweifellos. Werden diese Prädikate aber substantivistisch aufgeladen, das Treibmittel zur Methode verdichtet, zerstören sie die Substanz des Denkens. Rausch, Droge, Placebo. Alles in Ordnung. Wie soll das Versetzen von Wirklichkeit in Wahrheit auch sonst gelingen? Durch eine Statistik? Eine Kurve? Gar ein Diagramm? Es gibt keine Reflexion ohne Rausch, aber ein Rausch ist noch keine Reflexion. Die Dosis, mit der Žižek operiert, ist jedoch eine Überdosis. Was Theorie betrifft, ist Žižek kein Trinker, sondern ein Säufer.

Da begegnen uns etwa Passagen, die zwar in ihrer Konstruktion nicht kompliziert erscheinen, letztlich aber in ihrer Dekonstruktion Leere hinterlassen. Beispiel: „Das Reale ist gleichzeitig generativ und destruktiv: destruktiv, wenn es freie Hand bekommt, aber auch wenn es verneint wird, da seine Verneinung eine Wut freisetzt, welche es imitiert – ein Zusammenfall der Gegensätze.“ (S. 19) Was mag das wohl heißen? Oder sollte man gar nicht wagen, solche Fragen zu stellen, weil sie nur die eigene Unkenntnis bloßlegen? Oder werden wir vom Theoretiker bloß gelegt?“

Nun, was wollte uns der Autor damit sagen? Ich vermute mal, dass Zizek zusammenhangloses Zeug quatscht, und zwar pathologisch. Nur hat man nach der Lektüre allein dieser Absätze schon den Eindruck, von Amy Winehouse in die Reha geschickt zu werden um mal in der etwas eigentümlichen Suchtmetaphorik zu bleiben. Vor allem die Enden seiner Satzgemetzel sind grausam. Kein Absatz endet ohne Kalauer.

Nun wird der Autor nicht müde zu betonen, wie sympathisch im Zizeks Vorhaben eigentlich sei. Mehr noch: er teile „sowohl die Motivation als auch die Intention“! Wenn er nun aber Motivation, Intention und Klarheit in der Sprache schon teilt, was teilt er dann eigentlich nicht? Nun, zum einen den Publikumserfolg. Zum anderen aber sein Bekenntnis zur revolutionären Gewalt:

„Abseits aller Bekenntnisse zum Gewaltmonopol des Staates einerseits als auch zur revolutionären Gewalt andererseits ist die Gewalt als gesellschaftliche Drohung und Notwendigkeit zu realisieren, aber stets in der Perspektive ihrer Abschaffung zu debattieren. Ein Kern der Herrschaft liegt ja nach wie vor in der Gewalt, so domestiziert sie in den Rechtsstaaten auch daherkommt. Gesellschaftliche Transformation ist ohne Bruch des Gewaltmonopols nicht zu haben. Das muss man sich nicht unbedingt gewalttätig vorstellen, es kann aber auch durchaus gewalttätig vor sich gehen. Das Problem ist nicht, dass Žižek die Gewaltfrage aufmacht, das Problem ist, dass er sie gleich wieder zumacht.“

Kurz, der Revolutionär hat seinen Gegnern ein entschlossenes „Ja, vielleicht aber auch nicht“ entgegenzurufen. Die Gewalt, von jenen ganz praktisch realisiert (Jungle World), soll von ihm erst einmal anerkannt (Bundeszentrale für politische Bildung, wenn ich das „realisiert“ hier richtig verstanden habe) und dann „in der Perspektive ihrer Abschaffung“ debattiert werden (Jungle World). Der Unterschied zur Vorlage scheint hier nur das größere Rumgeeier der Kritik zu sein, die sich geistreich gibt, in dem sie sich in einen weiteren Kalauer wickelt.
Ähnlich wird Zizeks Umgang mit der Geschichte der kommunistischen Bewegung abgefertigt. Einerseits ist es ein Unding, sich positiv auf den Stalinismus zu beziehen (Bundeszentrale für politische Bildung),

„dass Stalin und Mao nicht eingemeindet werden in die leidvolle Geschichte der kapitalistischen Modernisierung“

(Jungle World). Andererseits möchten wir uns da aber auch nicht festlegen, da der Stalinismus ja auch eine Tragödie war:

„Ob des Kommunismus oder für den Kommunismus oder beides, das alles wären spannende Fragen“

(Bundeszentrale für politische Bildung) – Ja wie denn nun!

In jedem Fall scheint Zizek den Autor nicht loszulassen:

„Es ist wahrlich der Ballast von gestern, der via Žižek eine geradezu penetrierende Energie entwickelt hat.“

– Kein Wunder, verteilt er doch „revolutionäre Potenzpillen“ an das „hungernde Publikum“ die keine Wärme haben, die hält. Anders als jene Mischung aus Kalenderblattweisheit und Evidenzbombe, mit denen der Autor sich aufheizt:

„Ein lebendiger Kommunismus sollte weniger seine Leichen schminken, als seine Toten begraben, auch wenn man deren Leistungen durchaus hoch einschätzen möchte. Sie mögen etwas vorgelegt haben, aber sie sind dezidiert keine Vorlage.“

Wenn es aber stimmt, dass heute nichts wichtiger ist, „als offen und offensiv über den Kommunismus nachzudenken“ – dann sollten wir das unter keinen Umständen solchen Dummschwätzern überlassen.

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Didaktik http://weltgeist.blogsport.de/2011/11/26/didaktik/ http://weltgeist.blogsport.de/2011/11/26/didaktik/#comments Sat, 26 Nov 2011 18:53:01 +0000 Administrator Allgemein http://weltgeist.blogsport.de/2011/11/26/didaktik/ Eine gute Überschrift zu finden, eine griffige Formel, die alles Folgende zusammenfasst – das ist mitunter schwere Arbeit. Und so wollen wir nicht hintenanstehen, und den tapferen Recken, die für Frau Dr.1 Kristina Schröder das jüngste antikommunistische Hetzpamphlet zusammenschusterten, zu dem wahrhaft großartigen Titel gratulieren:

Demokratie stärken – Linksextremismus verhindern
(via mondoprinte)

prägnanter kann man das Elend des Antiextremismus nicht zusammenfassen. Fast wünscht man sich, dass aufgeweckte Schülerinnen und Schüler mit der in diesem Heftchen vorgeschlagenen Holzhammerdidaktik bearbeitet werden – und sei es nur, damit sie die zuständigen Lehrkräfte mit der Frage in Verlegenheit bringen können, wodurch genau sich eine so verteidigte Demokratie eigentlich von der „defekten Demokratie“ unterscheidet, in die eine Unterschätzung des „weichen Linksextremismus“ dem „Extremismusexperten“ Prof. Dr. Eckhard Jesse2 nach münden würde. Das wäre in jedem Fall eine interessantere Diskussion, als die, die sich an die überhaupt nicht tendenziösen, für den Unterricht vorgeschlagenen Aufgaben „Diskutiert in der Gruppe, ob es gerecht ist, dass ein Zehntel der Bevölkerung über 50 Prozent des Steueraufkommens leistet.“ oder „(…)belegt anhand der Texte die These, wonach nicht jeder Antifaschist ein Demokrat sein muss.“ anschließen könnte, zumal als Vorbereitung auf diese Aufgaben fast ausschließlich auf die tiefschürfenden Erkenntnisse des Verfassungsschutzes verwiesen wird – ja, genau dieses Verfassungsschutzes.

  1. Parallel zu ihrer Abgeordnetentätigkeit im Bundestag ab 2002 wurde Schröder bis April 2009 bei Jürgen W. Falter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Mainz nach der Vorlage einer Studie über Gerechtigkeit als Gleichheit promoviert, in der untersucht wird, wie sich die Wertvorstellungen der CDU-Bundestagsabgeordneten von denen der übrigen CDU-Mitglieder unterscheiden. Im Januar 2010 wurden Vorwürfe gegen Schröder laut, dass sie Teile ihre Dissertation durch Hilfskräfte anfertigen ließ. Anfragen nach ihrer Dissertation durch die Bild-Zeitung ließ Schröder durch ihren Anwalt mit Schmerzensgelddrohungen beantworten. Der Präsident der Universität, Georg Krausch, stellte klar, dass es keinen Hinweis auf ein mögliches wissenschaftliches Fehlverhalten der Kandidatin gebe, Zuarbeiten von Hilfskräften seien „wissenschaftlich legitim und im Rahmen vieler Dissertationen üblich“. Zudem waren der Doktorvater Falter und die Hilfskraft bereit, eidesstattlich zu versichern, dass alles korrekt ablief (Quelle: wikipedia)[zurück]
  2. „Kritik löste die These aus, der Nationalsozialismus habe in Deutschland einen „Modernisierungsschub“ bewirkt, wie sie in dem Sammelband Schatten der Vergangenheit von Backes und Jesse vertreten wird. Jesse vertritt hier, Antisemitismus und Rechtsextremismus seien „mehr Phantom als Realität“. Die Ursache für die Aufmerksamkeit in Bezug auf dieses „Phantom“ sieht Jesse unter anderem in der „vielfach privilegierte(n) jüdische(n) Position“ in Deutschland: „Jüdische Organisationen brauchen Antisemitismus in einer gewissen Größenordnung, um für ihre Anliegen Gehör zu finden und ihre legitimen Interessen besser zur Geltung zu bringen.“ Andere Autoren des Sammelbandes forderten, Deutschland solle aus dem „Schatten der Vergangenheit“ heraustreten. Der Politikwissenschaftler und Antisemitismusforscher Lars Rensmann verortet in seiner 2004 erschienenen, umstrittenen Studie Demokratie und Judenbild Jesse und seinen Koautor Uwe Backes im Umkreis der Neuen Rechten. Rensmann kritisiert einige Ideologeme Jesses, befindet aber auch, Jesse habe wenig Berührungsängste mit dem zur Neuen Rechten zugeordneten Hans-Helmuth Knütter gehabt, ohne dass sich jener allerdings so weit nach rechts wie Knütter bewegt hätte. (Quelle: auch wikipedia, ist ja keine Doktorarbeit) [zurück]
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Rebel without a cause I. – ad hominem http://weltgeist.blogsport.de/2011/08/24/rebel-without-a-cause-i-ad-hominem/ http://weltgeist.blogsport.de/2011/08/24/rebel-without-a-cause-i-ad-hominem/#comments Wed, 24 Aug 2011 18:18:15 +0000 Administrator Allgemein http://weltgeist.blogsport.de/2011/08/24/rebel-without-a-cause-i-ad-hominem/ alles Denken beginnt mit der Unterscheidung, lernen wir bei Hegel und folgen ihm darin. Und so unterscheiden wir zu Beginn zwei Begriffe, die von Stürmern und Drängern aller Couleur gern durcheinander geworfen werden: „konservativ“ und „reaktionär“. Denn wenn Jan Fleischhauer von sich behauptet, er sei „aus Versehen konservativ“ geworden, so sind das strengenommen zwei Lügen, die sich gegenseitig stützen: Wäre er in seinem, wenn man seiner Beschreibung Glauben schenkt, erzkonservativ-sozialdemokratisch-moralisierenden Elternhaus im Zuge seiner adoleszenten Rebellion, die ihn unter anderem zu McDonalds führte, wirklich konservativ geworden, so ließe sich mit Fug und Recht von einem Versehen sprechen, einer Art List der pädagogischen Vernunft. Ein versöhnlicher Blick auf das Vergangene, ein skeptischer auf das Kommende und ein humorvolles Bestehen auf die Begrenztheit der menschlichen Vernunft im Angesicht der aufklärerischen Hybris – von Pascal über Chesterton und Haffner bis hin zu Hacks zeigt die lange Ahnenreihe der Konservativen, dass diese Eigenschaften sich nicht einfach auf einem Links-Rechts Schema einordnen lassen, sehr zum Unmut derer, die ihre narzisstische Bestätigung daraus ziehen, alles und jeden in denunziatorischer Absicht auf genau dieses Schema festzulegen.
Einfach nur auf die „Linken“ schimpfen zeichnet hingegen den Reaktionär aus. Der Humor des Konservativen wird in seinem Mund Zynismus, die Skepsis zur Panik und die Versöhnlichkeit zur Idealisierung. Getrieben von einer Geschichte, die ihm ständig zu nehmen droht, was ihm doch von Natur aus zusteht, fehlt dem Reaktionär sogar die Souveränität zu merken, wann der Lauf der Zeit einmal zu seinen Gunsten wirkt: und so muss ausgerechnet die FAZ in der Rezension seines Büchleins darauf hinweisen, dass Jan Fleischhauer gegen die 80er Jahre anschreibt, wenn er vorgibt Gegenwartsanalysen zu produzieren.
Das Argumentationsmuster ist dabei immer das gleiche: durch begriffliche Unschärfe wird eine Monsterlinke produziert, die eigentlich überall lauert, sich aber unverschämterweise gleichzeitig zum Opfer stilisiert. Dabei werden die wahren Opfer, nämlich Jan Fleischhauer und seine Reaktionärskollegen, ständig verschwiegen. So hat ein „verwirrter Geist“ (Anders Breivik) in Norwegen um sich geschossen und die Linke nutzt die Gelegenheit schamlos aus um „festzulegen, was geschrieben werden darf und was nicht“ und beschimpft unter anderem Henryk Broder, der doch Jan Fleischhauers Buch so lieb besprochen hatte, für seine „Islamkritik“. Von Sarrazin bis zum Vorstandsvorsitzenden des Springer-Konzerns, alles Opfer der PC-Zensur. Dabei sprechen die, wie Ropert Murdoch, wie Jan Fleischhauer an anderer Stelle bemerkt, nur aus, was eh‘ alle hören wollen: wie man zum Beispiel mit „frechen Ausländern“ verfahren sollte. Hin und wieder werden auch einfach Dinge, die niemand behauptet hat, mit Statistiken widerlegt, die nichts mit dem Thema zu tun haben: dass Frauen im Schnitt länger leben, ist zum Beispiel „nicht gerade ein Hinweis auf ein entbehrungsreiches Sklavendasein.“
Der Formlosigkeit des zusammenhalluzinierten Gegners entspricht die Inkonsistenz des eigenen Standpunktes: So wird Frank Schirrmacher dafür kritisiert, dass er öffentlich mit dem Gedanken spielt der „Linken“ hie und da ein bisschen recht zu geben (was in Jan Fleischhauers Augen eine Art Hochverrat darstellt, egal wie verlogen, oder sagen wir „strategisch“ der Schachzug des FAZ-Herausgebers ist). Dass der Kapitalismus nun einmal seine Krisen habe, dass hätte man schließlich schon vor 150 Jahren von Marx lernen können – darauf muss man erstmal kommen: ein Konservativer kommt der Linken zu unrecht entgegen, weil er Marx nicht gelesen hat. Und das führt zu einer schlimmen Verwechslung, denn eigentlich haben nicht die Konservativen geirrt, sondern die Neoliberalen. Daraus folgt nach der ganz speziellen Logik des Herrn Fleischhauer: das eine Margaret Thatcher Griechenland jetzt noch retten könnte.
Gleichzeitig den Märtyrer markieren und auf der Seite der Gewinner zu stehen, das ist das Kunststück, auf das sich die gesamte Burschenschaftslyrik des „schwarzen Kanals“ reduzieren lässt. Ein solcher Reaktionär wird man allerdings nicht aus Versehen. Und auch wenn die paranoische Textstruktur psychologische Deutungsmuster erfordern zu scheint, so meinen wir doch, dass sich dahinter einfach ein, wenn auch unredliches, so dennoch wohlverstandenes Klasseninteresse verbirgt. Aus der immer offensichtlicheren Inkonsistenz zwischen dem moralischen Anspruch und der gesellschaftlichen Funktion des von ihm als „linkes“ titulierten rosa-grünen Bürgertums zieht er einfach den Schluss, den moralischen Ballast über Bord zu werfen und endlich klare Position als Lohnschreiberling im Klassenkampf zu beziehen. Ob der Mann so intelligent ist, wie er sich präsentiert, wagen wir nicht zu beurteilen. Dass er aber intelligenter ist als er schreibt, davon gehen wir aus. Bleibt die Frage, warum das eigentlich gelesen, und noch viel seltsamer: verlegt wird? Schließlich schreibt der Mann ja unter anderem für den Spiegel, der in seinen Augen ja vermutlich auch Teil der allumfassenden kulturmarxistischen (sorry, „linken“) Meinungsmaschine ist, gegen die er mit der Achse des Guten und dem Springer-Verlag einsam und verloren ficht – aber dieser Frage widmen wir uns in einem späteren Beitrag. Wenn wir nicht vorher aus Versehen konservativ werden.

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Es ist ja nicht so, dass wir keine Fakten auf unserer Seite hätten http://weltgeist.blogsport.de/2011/07/20/121/ http://weltgeist.blogsport.de/2011/07/20/121/#comments Wed, 20 Jul 2011 10:17:09 +0000 Administrator Allgemein http://weltgeist.blogsport.de/2011/07/20/121/ Gut, es ist nichts Neues. Die eine oder der andere hat es bestimmt auch schon gelesen. Aber

Wie Deutschland von Griechenlands Krise profitiert

aus der Analyse und Kritik bietet das eine oder andere Schmankerl, das ich als argumentatives Rüstzeug für brauchbar befunden habe und demnach keinem vorenthalten wollte.

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Karneval der Strukturen http://weltgeist.blogsport.de/2011/06/06/karneval-der-strukturen/ http://weltgeist.blogsport.de/2011/06/06/karneval-der-strukturen/#comments Mon, 06 Jun 2011 16:31:15 +0000 Administrator Allgemein http://weltgeist.blogsport.de/2011/06/06/karneval-der-strukturen/ in der spätimperialistischen Welt wird viel gewurschtelt. Das liegt in der Natur der Sache einer Gesellschaftsordnung, die einerseits ständig und überall aus dem Leim geht, aber andererseits immernoch Dynamiken entfesselt, die alle Nähte zu sprengen drohen. David Foster Wallace hat dafür in seinem Roman das schöne Zerrbild des „Experialismus“ erfunden – ein Imperialismus, der sich derart aggressiv nach innen und außen wendet, dass er beginnt, die eigene Peripherie mittels Zwangsevakuierung zu dekultivieren und nach völliger Unbrauchbarmachung anderen auf´s Auge zu drücken. In einem Unternehmen hieße das Outsourcing, im Falle eines Staates tituliert der Roman es als politische Agenda des ONANismus. Und wie im Großen schon keiner mehr durchblickt, so verheddert sich auch das Kleine – zum Beispiel die Frage nach dem Drogenkonsum und seiner Verfolgung in einer kleinen, provinziellen Tennisakademie.
Und so wird in dieser Tennisakademie gekifft, gekokst und nachgeworfen, dass dem Leser der Oberkörper juckt und das so schmerzhaft offensichtlich, dass man sich fragt, ob das erlaubt ist? Ist es natürlich nicht. Es ist sogar strengstens untersagt – allein, so lange bei den Kids die Leistung stimmt und sie immerwieder brav in ein Becherchen pinkeln, belässt man es eben auch dabei.
Und so sind in der kleinen Tennisakademie zwei Strukturen damit bedacht, sich gegenseitig nicht zu sehr auf die Pelle zu rücken: Auf der einen Seite ein Drogenkontrollapparat, der über ein Netz von Institutionen, Regeln und Terminen zuverlässig nur diejenigen einsammelt, die wirklich zu blöd, unerfahren und unangepasst sind, und auf der anderen Seite das Netz der Drogenverteilung selbst, in dem schon fast dieselben Gewinne mit dem verticken von sauberem teenager-Urin erzielt werden, wie mit dem Verkauf der Drogen selbst und in dem jede Droge akkurat auf Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und Nachweisbarkeit überprüft wird.
Damit ist ja, wenn auch völlig unvernünftig, alles geregelt, könnte man meinen. Die einen kümmern sich um das Wohlbefinden derer, die es sich leisten können, die anderen um die Entsorgung derer, die das nicht mehr können (am Fuße der Tennisakademie befindet sich eine Entzugsanstalt). Aber wie alles, was die unsichtbare Hand regelt, krankt das Ganze an zwei Seiten. Erstens wischt die unsichtbare Hand ersteinmal einen guten Teil der Beteiligten vom Tisch, vor allem aber ist es eben kein gemeinsam bewusst hergestellter Zustand in dem es sich Leben ließe, sondern ein gegeneinander vorangetriebenes Kampfgleichgewicht, das nur hält, weil es seine Teilnehmer zu zerbrechen droht.
So werden die Drogen zur Voraussetzung den unmenschlichen Leistungsdruck der Akademie überhaupt auszuhalten, deren asketisches Ideal und Trainingspensum die Leute schneller verschleißt als Drogenparties, während die Allgegenwart des Drogenkonsums zu einer unermesslichen Machtressource in den Händen der Schulleitung wird: Die außerplanmäßige Drogenkontrolle wird schlicht zur gezielt eingesetzten Waffe zur Entledigung unliebsamer Zeitgenossen. Ungestraft die Drogen nehmen zu dürfen, in die man getrieben wird, wird so zur stillschweigend verliehenen Gnade. Der Entzug dieser Gnade stößt die Betroffenen übrigens aus der Leistungswelt des gehobenen Mittelstandes ganz schnell dahin, wo ihre proletarischen Kiffgenossen schon viel früher landen – ins gesellschaftliche Off.
Man kann das alles überspitzt finden, allerdings sehen US-amerikanische Universitäten gerade zu Prüfungszeiten wirklich garnicht so anders aus – und ein Blick auf die Statistiken des Landes, in dem David Foster Wallace sich die Karte umdekorierte, bestätigt diese Sicht: mittlerweile haben das Außenministerium, die CIA das FBI, die Marine, das Heer, die Luftwaffe, fast jede örtliche Stelle der Polizei, die Einwanderungsbehörde, die Homelandsecurity und der Zoll allesamt ihre Drogenbekämpfungseinheiten – obwohl es die ja als Drug Enforcement Agency auch nochmal gibt, und zwar in groß. Diese Politik stopft die Gefängnisse voll (in NY werden jährlich um die 30.000 Menschen wegen des Besitzes kleiner Mengen Marihuana verhaftet, und nicht nur in Kalifornien landet man beim dritten Anlauf deswegen lebenslänglich im Knast), während unter anderem an den Unis gekifft, gekoks und nachgeworfen wird, dass einem der Oberkörper juckt.
Aber bis die Falle zuschnappt bleibt das alles ein: unendlicher Spaß.

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Schweinereien http://weltgeist.blogsport.de/2011/04/24/kleine-fundstuecke/ http://weltgeist.blogsport.de/2011/04/24/kleine-fundstuecke/#comments Sun, 24 Apr 2011 19:16:26 +0000 Administrator Allgemein http://weltgeist.blogsport.de/2011/04/24/kleine-fundstuecke/

vögeln swV. vulg‚begatten‘ ( 15. Jh.). Fnhd. vog(e)len. Vermutlich zu der gleichen Grundlage wie ficken (aus g.*fug-, fukk), also `stoßen‘ (iterativ), doch ist das Wort schon sehr früh auf Vogel bezogen worden, so daß es in früher Zeit nur in bezug auf Vögel belegt ist. Vgl. im Limburgischen vogelen, fokkelen für das Begatten von Hühnern. Die Einzelheiten sind klärungsbedürftig.

So schreibt mein Etymologisches Wörterbuch und hat mir damit stille Freude in mein Familienfeierexil im tiefen Schwaben getragen, die ich einfach teilen muss.
Auf Wiktionary finden sich auch Deklinationstabellen und andere Feinheiten zu dieser schönsten aller Bezeichnungen, die „salopp“ für „den Geschlechtsakt vollziehen“ herhalten müssen:

[2] stark veraltet beziehungsweise untergegangen: Vögel fangen
[3] stark veraltet beziehungsweise untergegangen: aus dem Vogelflug weissagen
[4] stark veraltet beziehungsweise untergegangen; in Bezug auf Menschen: hin- und herschweifen, ein unstetes Leben führen

Oberbegriffe:
[1] koitieren
Unterbegriffe:
[1] durchvögeln

Nun, wie sich Begriff, Oberbegriff und Unterbegriff zueinander verhalten, das zu Begreifen wollen wir den Experten überlassen. Zumindest hat das Wort durch seine Genesis in meinen Augen nicht verloren: die wunderschön flattrig-flügelige Assoziation bleibt erhalten, aber das Wissen, dass es einmal „Vögel fangen“, „aus dem Vogelflug weissagen“ und „ein unstetes Leben führen“ geheißen haben mag, das verleiht mit schelmischem Zwinkern, mythisch-romantischer Aufladung und der Freude an dem Ausbruch dem Wort das Spiel, das Sprache funkeln lässt.
Ein Wermuthstropfen bleibt aber:

„Und hinten drein komm ich bey Nacht und vögle sie daß alles kracht“

Soll Goethe getoilettenwandreimt haben – so hat dann ausgerechnet er wieder einmal bewiesen, dass ein schönes Wort gegen einen langweiligen Kalauer nicht ankommt.

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