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Didaktik

Eine gute Überschrift zu finden, eine griffige Formel, die alles Folgende zusammenfasst – das ist mitunter schwere Arbeit. Und so wollen wir nicht hintenanstehen, und den tapferen Recken, die für Frau Dr.1 Kristina Schröder das jüngste antikommunistische Hetzpamphlet zusammenschusterten, zu dem wahrhaft großartigen Titel gratulieren:

Demokratie stärken – Linksextremismus verhindern
(via mondoprinte)

prägnanter kann man das Elend des Antiextremismus nicht zusammenfassen. Fast wünscht man sich, dass aufgeweckte Schülerinnen und Schüler mit der in diesem Heftchen vorgeschlagenen Holzhammerdidaktik bearbeitet werden – und sei es nur, damit sie die zuständigen Lehrkräfte mit der Frage in Verlegenheit bringen können, wodurch genau sich eine so verteidigte Demokratie eigentlich von der „defekten Demokratie“ unterscheidet, in die eine Unterschätzung des „weichen Linksextremismus“ dem „Extremismusexperten“ Prof. Dr. Eckhard Jesse2 nach münden würde. Das wäre in jedem Fall eine interessantere Diskussion, als die, die sich an die überhaupt nicht tendenziösen, für den Unterricht vorgeschlagenen Aufgaben „Diskutiert in der Gruppe, ob es gerecht ist, dass ein Zehntel der Bevölkerung über 50 Prozent des Steueraufkommens leistet.“ oder „(…)belegt anhand der Texte die These, wonach nicht jeder Antifaschist ein Demokrat sein muss.“ anschließen könnte, zumal als Vorbereitung auf diese Aufgaben fast ausschließlich auf die tiefschürfenden Erkenntnisse des Verfassungsschutzes verwiesen wird – ja, genau dieses Verfassungsschutzes.

  1. Parallel zu ihrer Abgeordnetentätigkeit im Bundestag ab 2002 wurde Schröder bis April 2009 bei Jürgen W. Falter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Mainz nach der Vorlage einer Studie über Gerechtigkeit als Gleichheit promoviert, in der untersucht wird, wie sich die Wertvorstellungen der CDU-Bundestagsabgeordneten von denen der übrigen CDU-Mitglieder unterscheiden. Im Januar 2010 wurden Vorwürfe gegen Schröder laut, dass sie Teile ihre Dissertation durch Hilfskräfte anfertigen ließ. Anfragen nach ihrer Dissertation durch die Bild-Zeitung ließ Schröder durch ihren Anwalt mit Schmerzensgelddrohungen beantworten. Der Präsident der Universität, Georg Krausch, stellte klar, dass es keinen Hinweis auf ein mögliches wissenschaftliches Fehlverhalten der Kandidatin gebe, Zuarbeiten von Hilfskräften seien „wissenschaftlich legitim und im Rahmen vieler Dissertationen üblich“. Zudem waren der Doktorvater Falter und die Hilfskraft bereit, eidesstattlich zu versichern, dass alles korrekt ablief (Quelle: wikipedia)[zurück]
  2. „Kritik löste die These aus, der Nationalsozialismus habe in Deutschland einen „Modernisierungsschub“ bewirkt, wie sie in dem Sammelband Schatten der Vergangenheit von Backes und Jesse vertreten wird. Jesse vertritt hier, Antisemitismus und Rechtsextremismus seien „mehr Phantom als Realität“. Die Ursache für die Aufmerksamkeit in Bezug auf dieses „Phantom“ sieht Jesse unter anderem in der „vielfach privilegierte(n) jüdische(n) Position“ in Deutschland: „Jüdische Organisationen brauchen Antisemitismus in einer gewissen Größenordnung, um für ihre Anliegen Gehör zu finden und ihre legitimen Interessen besser zur Geltung zu bringen.“ Andere Autoren des Sammelbandes forderten, Deutschland solle aus dem „Schatten der Vergangenheit“ heraustreten. Der Politikwissenschaftler und Antisemitismusforscher Lars Rensmann verortet in seiner 2004 erschienenen, umstrittenen Studie Demokratie und Judenbild Jesse und seinen Koautor Uwe Backes im Umkreis der Neuen Rechten. Rensmann kritisiert einige Ideologeme Jesses, befindet aber auch, Jesse habe wenig Berührungsängste mit dem zur Neuen Rechten zugeordneten Hans-Helmuth Knütter gehabt, ohne dass sich jener allerdings so weit nach rechts wie Knütter bewegt hätte. (Quelle: auch wikipedia, ist ja keine Doktorarbeit) [zurück]

Rebel without a cause I. – ad hominem

alles Denken beginnt mit der Unterscheidung, lernen wir bei Hegel und folgen ihm darin. Und so unterscheiden wir zu Beginn zwei Begriffe, die von Stürmern und Drängern aller Couleur gern durcheinander geworfen werden: „konservativ“ und „reaktionär“. Denn wenn Jan Fleischhauer von sich behauptet, er sei „aus Versehen konservativ“ geworden, so sind das strengenommen zwei Lügen, die sich gegenseitig stützen: Wäre er in seinem, wenn man seiner Beschreibung Glauben schenkt, erzkonservativ-sozialdemokratisch-moralisierenden Elternhaus im Zuge seiner adoleszenten Rebellion, die ihn unter anderem zu McDonalds führte, wirklich konservativ geworden, so ließe sich mit Fug und Recht von einem Versehen sprechen, einer Art List der pädagogischen Vernunft. Ein versöhnlicher Blick auf das Vergangene, ein skeptischer auf das Kommende und ein humorvolles Bestehen auf die Begrenztheit der menschlichen Vernunft im Angesicht der aufklärerischen Hybris – von Pascal über Chesterton und Haffner bis hin zu Hacks zeigt die lange Ahnenreihe der Konservativen, dass diese Eigenschaften sich nicht einfach auf einem Links-Rechts Schema einordnen lassen, sehr zum Unmut derer, die ihre narzisstische Bestätigung daraus ziehen, alles und jeden in denunziatorischer Absicht auf genau dieses Schema festzulegen.
Einfach nur auf die „Linken“ schimpfen zeichnet hingegen den Reaktionär aus. Der Humor des Konservativen wird in seinem Mund Zynismus, die Skepsis zur Panik und die Versöhnlichkeit zur Idealisierung. Getrieben von einer Geschichte, die ihm ständig zu nehmen droht, was ihm doch von Natur aus zusteht, fehlt dem Reaktionär sogar die Souveränität zu merken, wann der Lauf der Zeit einmal zu seinen Gunsten wirkt: und so muss ausgerechnet die FAZ in der Rezension seines Büchleins darauf hinweisen, dass Jan Fleischhauer gegen die 80er Jahre anschreibt, wenn er vorgibt Gegenwartsanalysen zu produzieren.
Das Argumentationsmuster ist dabei immer das gleiche: durch begriffliche Unschärfe wird eine Monsterlinke produziert, die eigentlich überall lauert, sich aber unverschämterweise gleichzeitig zum Opfer stilisiert. Dabei werden die wahren Opfer, nämlich Jan Fleischhauer und seine Reaktionärskollegen, ständig verschwiegen. So hat ein „verwirrter Geist“ (Anders Breivik) in Norwegen um sich geschossen und die Linke nutzt die Gelegenheit schamlos aus um „festzulegen, was geschrieben werden darf und was nicht“ und beschimpft unter anderem Henryk Broder, der doch Jan Fleischhauers Buch so lieb besprochen hatte, für seine „Islamkritik“. Von Sarrazin bis zum Vorstandsvorsitzenden des Springer-Konzerns, alles Opfer der PC-Zensur. Dabei sprechen die, wie Ropert Murdoch, wie Jan Fleischhauer an anderer Stelle bemerkt, nur aus, was eh‘ alle hören wollen: wie man zum Beispiel mit „frechen Ausländern“ verfahren sollte. Hin und wieder werden auch einfach Dinge, die niemand behauptet hat, mit Statistiken widerlegt, die nichts mit dem Thema zu tun haben: dass Frauen im Schnitt länger leben, ist zum Beispiel „nicht gerade ein Hinweis auf ein entbehrungsreiches Sklavendasein.“
Der Formlosigkeit des zusammenhalluzinierten Gegners entspricht die Inkonsistenz des eigenen Standpunktes: So wird Frank Schirrmacher dafür kritisiert, dass er öffentlich mit dem Gedanken spielt der „Linken“ hie und da ein bisschen recht zu geben (was in Jan Fleischhauers Augen eine Art Hochverrat darstellt, egal wie verlogen, oder sagen wir „strategisch“ der Schachzug des FAZ-Herausgebers ist). Dass der Kapitalismus nun einmal seine Krisen habe, dass hätte man schließlich schon vor 150 Jahren von Marx lernen können – darauf muss man erstmal kommen: ein Konservativer kommt der Linken zu unrecht entgegen, weil er Marx nicht gelesen hat. Und das führt zu einer schlimmen Verwechslung, denn eigentlich haben nicht die Konservativen geirrt, sondern die Neoliberalen. Daraus folgt nach der ganz speziellen Logik des Herrn Fleischhauer: das eine Margaret Thatcher Griechenland jetzt noch retten könnte.
Gleichzeitig den Märtyrer markieren und auf der Seite der Gewinner zu stehen, das ist das Kunststück, auf das sich die gesamte Burschenschaftslyrik des „schwarzen Kanals“ reduzieren lässt. Ein solcher Reaktionär wird man allerdings nicht aus Versehen. Und auch wenn die paranoische Textstruktur psychologische Deutungsmuster erfordern zu scheint, so meinen wir doch, dass sich dahinter einfach ein, wenn auch unredliches, so dennoch wohlverstandenes Klasseninteresse verbirgt. Aus der immer offensichtlicheren Inkonsistenz zwischen dem moralischen Anspruch und der gesellschaftlichen Funktion des von ihm als „linkes“ titulierten rosa-grünen Bürgertums zieht er einfach den Schluss, den moralischen Ballast über Bord zu werfen und endlich klare Position als Lohnschreiberling im Klassenkampf zu beziehen. Ob der Mann so intelligent ist, wie er sich präsentiert, wagen wir nicht zu beurteilen. Dass er aber intelligenter ist als er schreibt, davon gehen wir aus. Bleibt die Frage, warum das eigentlich gelesen, und noch viel seltsamer: verlegt wird? Schließlich schreibt der Mann ja unter anderem für den Spiegel, der in seinen Augen ja vermutlich auch Teil der allumfassenden kulturmarxistischen (sorry, „linken“) Meinungsmaschine ist, gegen die er mit der Achse des Guten und dem Springer-Verlag einsam und verloren ficht – aber dieser Frage widmen wir uns in einem späteren Beitrag. Wenn wir nicht vorher aus Versehen konservativ werden.

Es ist ja nicht so, dass wir keine Fakten auf unserer Seite hätten

Gut, es ist nichts Neues. Die eine oder der andere hat es bestimmt auch schon gelesen. Aber

Wie Deutschland von Griechenlands Krise profitiert

aus der Analyse und Kritik bietet das eine oder andere Schmankerl, das ich als argumentatives Rüstzeug für brauchbar befunden habe und demnach keinem vorenthalten wollte.

Karneval der Strukturen

in der spätimperialistischen Welt wird viel gewurschtelt. Das liegt in der Natur der Sache einer Gesellschaftsordnung, die einerseits ständig und überall aus dem Leim geht, aber andererseits immernoch Dynamiken entfesselt, die alle Nähte zu sprengen drohen. David Foster Wallace hat dafür in seinem Roman das schöne Zerrbild des „Experialismus“ erfunden – ein Imperialismus, der sich derart aggressiv nach innen und außen wendet, dass er beginnt, die eigene Peripherie mittels Zwangsevakuierung zu dekultivieren und nach völliger Unbrauchbarmachung anderen auf´s Auge zu drücken. In einem Unternehmen hieße das Outsourcing, im Falle eines Staates tituliert der Roman es als politische Agenda des ONANismus. Und wie im Großen schon keiner mehr durchblickt, so verheddert sich auch das Kleine – zum Beispiel die Frage nach dem Drogenkonsum und seiner Verfolgung in einer kleinen, provinziellen Tennisakademie. (mehr…)

Schweinereien

vögeln swV. vulg‚begatten‘ ( 15. Jh.). Fnhd. vog(e)len. Vermutlich zu der gleichen Grundlage wie ficken (aus g.*fug-, fukk), also `stoßen‘ (iterativ), doch ist das Wort schon sehr früh auf Vogel bezogen worden, so daß es in früher Zeit nur in bezug auf Vögel belegt ist. Vgl. im Limburgischen vogelen, fokkelen für das Begatten von Hühnern. Die Einzelheiten sind klärungsbedürftig.

So schreibt mein Etymologisches Wörterbuch und hat mir damit stille Freude in mein Familienfeierexil im tiefen Schwaben getragen, die ich einfach teilen muss.
Auf Wiktionary finden sich auch Deklinationstabellen und andere Feinheiten zu dieser schönsten aller Bezeichnungen, die „salopp“ für „den Geschlechtsakt vollziehen“ herhalten müssen:

[2] stark veraltet beziehungsweise untergegangen: Vögel fangen
[3] stark veraltet beziehungsweise untergegangen: aus dem Vogelflug weissagen
[4] stark veraltet beziehungsweise untergegangen; in Bezug auf Menschen: hin- und herschweifen, ein unstetes Leben führen

Oberbegriffe:
[1] koitieren
Unterbegriffe:
[1] durchvögeln

Nun, wie sich Begriff, Oberbegriff und Unterbegriff zueinander verhalten, das zu Begreifen wollen wir den Experten überlassen. Zumindest hat das Wort durch seine Genesis in meinen Augen nicht verloren: die wunderschön flattrig-flügelige Assoziation bleibt erhalten, aber das Wissen, dass es einmal „Vögel fangen“, „aus dem Vogelflug weissagen“ und „ein unstetes Leben führen“ geheißen haben mag, das verleiht mit schelmischem Zwinkern, mythisch-romantischer Aufladung und der Freude an dem Ausbruch dem Wort das Spiel, das Sprache funkeln lässt.
Ein Wermuthstropfen bleibt aber:

„Und hinten drein komm ich bey Nacht und vögle sie daß alles kracht“

Soll Goethe getoilettenwandreimt haben – so hat dann ausgerechnet er wieder einmal bewiesen, dass ein schönes Wort gegen einen langweiligen Kalauer nicht ankommt.